Renntag : Hutparty in Hoppegarten

Ein Renntag ist beinahe wie Volksfest – nur viel aufregender. Bei einem Mindestwetteinsatz von 50 Cent fällt einem auch das Verlieren nicht so schwer.

Eva Kalwa
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In der Luft hängt der Duft von Waffeln, Bratwürsten und Zuckerwatte. Kinder laufen umher, wollen zur Hüpfburg oder zum Ponyreiten. Hunde liegen faul in der Sonne, und das Blasorchester spielt gerade „Ja, wir san mit‘m Radl da“. Ein Renntag in Hoppegarten hat ein bisschen was von einem Volksfest: Es ist bunt, fröhlich und alle sind locker und ungezwungen, ob unter dem schicken roten Federnhut oder der Baseballkappe. Das heißt: es ist fast immer so. Etwa alle halbe Stunde jedoch verändert sich die Atmosphäre, Spannung baut sich auf. Die meisten Besucher stehen dann von den vielen mitgebrachten Picknickdecken oder ihren Tribünenplätzen auf. Sie kneifen die Augen zusammen oder holen ein kleines Fernglas heraus: „Wo starten denn diesmal die Pferde, Papa?“ „Guck mal, da hinten im Bogen!“

Und dann geht es los. Der Start erfolgt und die Augen der fast zehntausend Zuschauer verfolgen gebannt, wie sich das Rennen entwickelt. Rennkommentator Hartmut Faust begleitet den Kampf der Vierbeiner über Lautsprecher: Wer ausgangs des Dahlwitzer Bogens noch die „rote Laterne“ trägt, also letzter ist, wer sich außen lösen oder vor seinen Verfolgen Boden gut machen kann: Faust gibt die aktuelleLage auf dem grünen Rund fast in Echtzeit wieder, und alle lauschen gespannt. Hälse recken sich, Programmhefte werden nervös geknickt, Anfeuerungsrufe erschallen. In diesen entscheidenden Sekunden darf man niemanden ansprechen.

Dann endlich Jubel, bei einigen auch enttäuscht herab sackende Schultern: Das war wohl nichts. Der nun wertlose Wettschein landet auf dem Boden, wo ihn später vielleicht noch mal jemand aufheben wird, immer auf der Suche nach versehentlich weggeworfenen Gewinnen. Doch bei einem Mindesteinsatz von 50 Cent ist das Verlieren nicht so schlimm. Soviel Spaß und Nervenkitzel für so wenig Geld, zumal im Grünen und bei Sonnenschein, gibt es nicht überall, da sind sich die Besucher einig. 11 Euro kostet das Familienticket beim nächsten Familienrenntag am 20. Juni.

„Wir kommen seit 60 Jahren her“, erzählen Gertrud und Werner Ritter aus Neuenhagen. Vieles habe sich im vergangenen Jahr positiv verändert, inklusive der restaurierten denkmalgeschützten Wettgebäude, Tribünen und der Rennbahn. „Es ist alles sehr gepflegt, und bessere Pferde und Jockeys sind am Start“, spielen Ritters auf das Spitzenereignis, ein hochdotiertes Gruppe-II-Rennen für dreijährige Stuten, an diesem Pfingstsonntag an. Mittlerweile bringt das Ehepaar neben der erwachsenen Tochter auch die Enkelkinder Pia und Nico mit. Die zehnjährige Pia hat gerade eine Platzwette getroffen, also richtig vorhergesagt, welches der Pferde auf einen der ersten drei Plätze kommt, und will schnell zum Kinderwettschalter, um sich ihren Preis abzuholen. „Los Mama, komm schon!“

Natürlich kann man auch auf der Decke oder den Tribünen sitzen bleiben und dort am „fliegenden Toto“ seinen Wettschein abgeben. Doch wer das Maximum an Unterhaltung aus einem Hoppegartener Renntag herausholen will, der sollte die Runde der echten Galoppsportfreunde laufen: Etwa eine halbe Stunde vor dem nächsten Rennen stellt man sich dazu an den Führring. Im Schatten hoher alter Bäume werden hier die nächsten Starter im Kreis geführt, damit alle Besucher sich noch mal ein Bild von „ihren“ Favoriten machenkönnen. Und jeder, ob Neuling auf der Rennbahn oder alter Wetthase, ob Anzug-, Kostüm-, Jeans- oder Leggingsträger, kann dabei dank der Informationen aus dem Programmheft mitreden: Über die Form der Pferde, Abstammung, Gewicht, über Vorlieben bei der Weichheit des Bodens oder der Streckenlänge. Vollblüter, ob englische oder arabische, sind es alle, und das entsprechende Temperament bringen sie mit. Daher kommt es beim Aufsitzen schon mal zum einen oder anderen Galoppsprung. Wenn Pferde und Jockeys den Führring verlassen haben, begibt man sich an die Monitore, die überall auf dem großflächigen Gelände und auch in den Wetthallen und Cafés zu finden sind. Sie zeigen die Quoten, die angeben, wie viel Geld man im Fall eines Sieges für zehn Euro bekommt: Das können 15 Euro für einen Favoriten oder 300 Euro für einen Außenseiter sein. Jetzt schnell den Wettschein ausfüllen und ab an den Toto-Schalter, wo Wett-Neulinge auch per Ansage wetten können. Nun sind es nur noch wenige Minuten bis zum Start, und es gilt, sich einen guten Platz an der Zielgerade zu sichern oder den Rest der Familie und Freunde auf der Picknickdecke oder Tribüne wiederzufinden. Hier tauschen sich alle kurz über ihre Wetten aus, zeigen lächelnd auf den Regenbogen über dem Zieleinlauf, werden dann still und suchen mit den Augen die Startmaschine. Und plötzlich liegt wieder diese Spannung in der Luft.

Der nächsten Familienrenntag ist am 20. Juni, Beginn 14 Uhr. Infos unter www. hoppegarten.com.

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