Der Tagesspiegel : Restaurierung: Wände aus Lehm selbst in Küche und Bad

Claus-Dieter Steyer

Im ersten Augenblick wirkt die Begeisterung des Maurers für seine Arbeit aufgesetzt. Er schwärmt geradezu für das Material, für dessen guten Geruch und die Geschmeidigkeit. Es spare sogar den Einsatz von Hautcreme. So schön sei es. Die Worte von Wolfgang Hanke, seit 40 Jahren auf dem Bau, stoßen sowohl bei seinem Firmenchef als auch beim Architekten auf viel Wohlwollen. Denn Hanke und seine Kollegen arbeiten mit einem alten und deshalb fast vergessenen Werkstoff: mit Lehm. Damit geben sie derzeit dem ältesten Haus in der Kleinstadt Baruth, rund 70 Kilometer südlich Berlins gelegen, sein originales Aussehen zurück. Gerade sind die Gerüste von den Außenmauern gefallen, beginnt bei steigenden Temperaturen jetzt der Innenausbau.

Architekt Matthias Reckers hat sich des früheren Schandflecks gegenüber der Kirche angenommen. 1742 war es als Haus des Superintendenten erbaut worden. Mit einer Grundfläche von 200 Quadratmetern gehört es zweifellos zu den größten Fachwerkbauten der Mark. Reckers will hier mit seiner Familie einziehen und Geschäftsräume für den Baruther Fremdenverkehrsverein einrichten. Letzteres kommt nicht von ungefähr. Denn ohne staatliche Gelder ist so eine aufwendige Restaurierung nach den strengen Auflagen der Denkmalpflege kaum zu schaffen.

40 Prozent der rund 640 000 Mark teuren Sanierung der so genannten Hülle des Hauses - also Außenwände, Dach und Fundament - erhält er als Zuschuß. Bund, Land und Stadt beteiligen sich mit jeweils einem Drittel. "Das ist gerade für so eine verschuldete Kommune wie Baruth, die nicht einmal genügend Geld für die Herrichtung von Bushaltestellen besitzt, eine große Summe", sagt der Architekt. Aber inzwischen würden die Leute sehen, dass das Geld gut angelegt sei. Das Fachwerkhaus könnte neben der Kirche und dem Schloss zu einer Sehenswürdigkeit werden. Den Innenausbau muss der Eigentümer selbst finanzieren.

Matthias Reckers geht mit seinem Vorhaben nicht aus Renommiersucht in die Öffentlichkeit. Er wolle andere potenzielle Bauherren animieren, sich durchaus auch alter Substanz anzunehmen. Oft seien die Fördermittel der öffentlichen Hand gar nicht bekannt. Ebenso sei es ein Trugschluss, dass die einheimischen Handwerker die alten Techniken nicht mehr beherrschten. Lehm gehöre in einigen Ausbildungsbetrieben schon wieder zum Lehrstoff.

Maurer Wolfgang Hanke schätzt an dem Lehm-Stroh-Gemisch, mit dem er eine Wand abputzt, vor allem die lange Verwendbarkeit des Baustoffes. "Selbst nach drei oder vier Tagen ist er noch zu verarbeiten. Außerdem greift er im Unterschied zum Zement nicht die Haut an", erklärt der Fachmann. Lehm speichere die Feuchtigkeit und schaffe so ein gutes Raumklima. Selbst in Küche und Bad will Reckers auf Lehm nicht verzichten.

Von außen wirkt das Haus so, als wenn es schief stehen würde. "Gut beobachtet", lobt der Architekt. Tatsächlich seien der rechte und der linke Flügel im Laufe der Jahrhunderte abgesackt. Nur der Mittelteil habe auf einem soliden Fundament gestanden. Das stammte aus dem 11. Jahrhundert, wie Archäologen feststellten. Doch Einsturzgefahr bestehe jetzt nicht mehr. Die Flügel seien angehoben und durch neue Fundamente gestützt worden. Nur die Balken in der Mitte des Fachwerkes müssten bleiben wie sie sind - etwas schief.

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