Retrospektive : Flagge zeigen

Der Maler als Maschine: Das Kunstmuseum Basel zeigt das Frühwerk von Jasper Johns. Er entging während seiner Armeezeit dem unmittelbaren Einsatz im Koreakrieg. Seine Kunst trägt die Spuren der Bildsprache des Militärs.

Oliver Tepel
Johns
Aus dem Lot. "Watchman" von 1964. -Foto: Jasper Johns

Künstler in Uniform. Ihre Fotografien durchziehen die Biografien der Moderne. Heute erscheinen diese Bilder befremdlich fern, in Lebenszusammenhängen einer vergangenen Epoche verortet. Dabei war Jasper Johns kein Freiwilliger und entging während seiner Armeezeit 1951 – 53 dem unmittelbaren Einsatz im Koreakrieg. Dass er Künstler ist, war dem Anfang 20-Jährigen damals bereits klar. Doch inmitten der virulenten Entwicklung der US-amerikanischen Kunst seit den Vierzigern und beeindruckt von diversen Ausstellungen klassischer Moderne musste Eigenes erst zäh erwachsen. Das Eigene, welches sich dann in einer fast rituellen Zerstörung seines Frühwerks manifestierte, trug denn Spuren der Bildsprache des Militärs.

„Flag“, eine US-Flagge mit teillasierender Enkaustik und Öl auf collagiertes Zeitungspapier gemalt, eröffnet die zuerst in Washington und nun in Basel zu sehende Retrospektive seines Frühwerks bis zum Jahr 1965. Die wächserne Textur der Enkaustik prägt diese zehn Schaffensjahre, sein nächstes Motiv: „Target“ wird für ihn zum künstlerischen Signet. Die blaugelbe Zielscheibe auf rotem Grund, ziert Plakate und Katalogumschlag. Gipsabdrücke des Gesichts der befreundeten Dichterin Fance Stevenson bekrönen Kapitellfiguren gleich die Oberseite des Werks, untergebracht in einem aufklappbaren Holzkästchen. „Target“ wird sogleich variiert, manche Versionen erinnern an die Schemenhaftigkeit in Marmor eingeschlossener Ammoniten, andere kokettieren mit dem Markenzeichencharakter bis hin zur „Do it yourself“-Version von 1960, in welcher der Ausführende seine Unterschrift neben die von Johns setzen kann. Die potenzielle Veränderbarkeit des Werks und die Manipulation von Bildraum sowie Entstehungsprozess werden zu seinen zentralen Themen. Sie lassen Malmaschinen entstehen, führen zu Körperabdrücken und dem Einbezug aller möglichen Gegenstände.

Flagge, Target sowie die immer wieder auftauchenden Schablonenbuchstaben und Ziffern bringen das Konkrete zurück in die Avantgardekunst und platzieren Johns wie den aus vergleichbaren Bildquellen schöpfenden Robert Rauschenberg zwischen später Moderne und aufkommender Pop-Art. Dabei ist Johns Rekurs auf das Militärische, seine Zeichen und Absagen an das Individuum weniger politisches Statement, als genereller Verweis auf die Erfahrung einer endindividualisierenden Maschinerie. Hier arbeitet sich das Subjekt wieder in den Bildraum, aber fern seiner Abbildung.

Tatsächlich findet sich in Johns Frühwerk nur ein Selbstporträt („Souvenir“), welches sein stets ausdrucksarmes Engelsgesicht als standardisierte Schmuckmalerei auf einem Teller präsentiert. Zur selben Zeit (1964) presst er nicht nur Hände und Arme, sondern auch einmal in „Skin with O'Hara Poem“ sein Gesicht aufs Papier, wo es in bewegter Dynamik an Zeichnungen des Marvel-Comic-Stilgebers Stan Lee erinnert. Das begleitende Gedicht „The clouds go soft“ von Frank O'Hara beschreibt im Bild sanft ziehender Wolken Melancholie und die Grausamkeit einer plötzlich aufblitzenden Leere. Während des Gangs durch die chronologische aufbereitete Ausstellung erweist sich diese Perspektive als Leitfaden. Eine stetige Spannung zwischen verspieltem, beobachtendem Experiment und hartem, ja verletzendem Umgang mit dem Material.

Derart fixiert Johns Individuelles im Abstrakten. Dieser Schritt, auch jene Erweiterung der Aktionen Pollocks und des abstrakten Expressionismus kennzeichnen Johns Werk bis hin zum autobiografischen Gestus in einer zum Teil formalisierten Sprache. Was seinerzeit völlig neu und aufregend war, befremdet heute in seiner forschen Intensität eines Entdeckertums, welches bald danach aus der Kunst verschwand.

Als Johns mit seiner Arbeit begann, gab es noch Land zu gewinnen, wenngleich schon nicht mehr auf konventionellen Wegen. Seinen Experimenten fehlt dann auch die Eleganz der formalen Entdeckungen der unmittelbaren Vorläufer. Wo diese einfach freie Räume nutzten, wird bei Johns im Dialog mit europäischer Tradition und im Detailblick auf ihre Errungenschaften, das Material erkannt. Cézanne ist allgegenwärtig im Farbauftrag, nur dass Johns dessen Farbigkeit verdichtet. Am Ende der klassischen Avantgarde musste er lernen, subtiler und doch zugleich lauter als alle Vorläufer zu sein.

Heute, nach Pop und in der Allgegenwart selbstverständlicher Alltagsreferenzialität in der Kunst, wirken diese Konstrukte mitunter aufgesetzt, ja nahezu bieder. Das Wissen um Johns spätere Arbeit, welche recht einträglich bis heute das Selbstzitat zelebriert, verstärkt diesen skeptischen Blick. So schillert diese Ausstellung zwischen Nähe und befremdlicher Ferne. Der Stratege des Bildraums passt nicht in diese Zeit. So zog es die Kunst-Hipster während der Art Basel auch eher in den Norden der Stadt zur Edvard Munch Ausstellung in der Foundation Beyeler in Riehen („Zeichen der Moderne“, noch bis 22. 7.).

Beider Werk lässt sich romantisieren, beiden wird damit Unrecht getan. Doch Johns bleibt (anders als Munch) für die aktuelle Kunst kaum auszuschlachten. Seine Stilmittel können kopiert werden, ihre Bedeutung nicht. So steht man staunend vor den geisterhaften Spuren einer Kreativitätsexplosion. Verweilt vor „Field Painting“ mit seinen Klapplettern inmitten der vertikalen Bildachse, ihren Druckspuren und den auf die farbig befleckte Leinwand aufgeklebten Dosen und Schaltern, um die Idee von einer Malmaschine zu erhaschen, die surrealistische „écriture automatique“ und Pop-Kalkül verknüpft. Das zeigt die Ausstellung: Endpunkt und Aufbruch – nach Johns kann Kunst nur noch kombinieren.

Kunstmuseum Basel, bis 23. September. Katalog (Prestel) 60 CHF