Retrospektive in Düsseldorf : Immendorffs Zeichnungen

Das Düsseldorfer Museum Kunst Palast zeigt in einer großen Immendorff-Retrospektive erstmals Zeichenarbeiten des Künstlers. Rund 300 Blätter des im Mai verstorbenen Malers gibt es zu sehen.

Gerd Korinthenberg[dpa]
Jörg Immendorff Foto: ddp
Jörg Immendorff ist nach langer Krankheit im Mai diesen Jahres verstorben. -Foto: ddp

Düsseldorf Spätestens seit seiner Orgie mit Drogen und Damen in einem Düsseldorfer Nobelhotel im Sommer 2003 wurde der Künstler Jörg Immendorff zum Lieblingskind der Medien. Einen ganz anderen Immendorff, einen versessenen und besessenen Arbeiter der Kunst, zeigt jetzt eine Ausstellung in Düsseldorf. Erstmals stellt eine große Retrospektive den vor allem als Maler, Bildhauer und Grafiker bekannten Künstler, der im vergangenen Mai einer tödlich-schleichenden Krankheit erlegen ist, als Zeichner vor.

Die rund 300 Blätter, eine Auswahl aus vielen tausend Zeichnungen und Wasserfarb-Gouachen der vergangenen 40 Jahre, stammen zum größten Teil aus dem noch nicht veröffentlichten Nachlass Immendorffs. Sie sind von Samstag an bis zum 18. November im Düsseldorfer Museum Kunst Palast zu sehen. Die dichte, blockartige Hängung der 300 bisweilen kleinformatigen Werke unterstreicht den "Werkstattcharakter" der oft suchenden, manchmal irrenden, manchmal perfekten Bilder. Unmittelbar sichtbar wird so das Vorbild zu manch späterem Gemälde, das Changieren zwischen surrealistisch-irrealen Bildfindungen und expressiver Motiv- Zertrümmerung.

Ausstellung unterstreicht Werkstatt-Charakter der Arbeiten

Gerade die weniger gelungenen, oberflächlichen Blätter retten den Künstler so vor dem peinlichen posthumen Szene-Hype. Lockere Albernheiten, kleine Notate mit Kugelschreiber aus der "anarchischen" Zeit Immendorffs ab 1969 sind eher als Karikaturen des Düsseldorfer Kunstakademie-Betriebes und des übermächtigen Lehrers Joseph Beuys zu sehen, der in einem frühen Skizzenblock zum mickrigen Kritzel-Männchen schrumpft. Bald wandte sich der Maoist Immendorff zeitgeistig agitatorischen Motiven zu - rote Fahnen wehen und "Werktätige" recken die Fäuste. Beißende Selbstironie bleibt aus dieser Schaffensphase: "Selbstbildnis als Pinsel" heißt noch 1986 eine großformatige Kohlezeichnung. In einem Zyklus von 40 Motiven nähert sich Immendorf mit grobem Pinselstrich 1977/78 auch in der Zeichenkunst seinem wichtigsten Thema: "Cafè Deutschland" greift Themen der nationalen Teilung auf, die er in seiner zu Bildern gewordenen Freundschaft mit dem Dresdner Künstler A.R. Penck visionär überwindet.

"Systemklemmen", so ein weiterer Titel, sieht er auf einer 19-teiligen Bilderserie aus einem Skizzenbuch von 1982 in Ost wie West: Einmal ist es ein zerzauster Bundesadler, einmal Hammer und Zirkel, die in eine Art Schraubstock eingeklemmt sind. Mit bewusst naiven Porträts großer Künstler der Vergangenheit von den Expressionisten Dix und Kirchner bis zum eigenwilligen Duchamp gibt der Düsseldorfer Kunstprofessor ein Bekenntnis zu seinen ästhetischen Wurzeln ab: Alles "Ahnen", die selbst hart um ihre Kunst gerungen haben. Das Bekenntnis zur geschichtlichen Kontinuität der Kunst legt eine weitere, große Bleistiftzeichnung ab: "Die Flamme weiterreichen" heißt das Blatt, auf dem der Maleraffe, Immendorfs skurriles "alter ego", den Staffelstab aus der Hand einer expressionistischen Skulptur entgegennimmt. (mit dpa)