Rezension : "Hey Schneegranate, alles okay?"

Thomas Glavinic schielt in seinem neuen Roman urkomisch auf den Deutschen Buchpreis.

Thomas Borchert[dpa]
Glavinic
Thomas Glavinic. -Foto: dpa

MünchenThomas Glavinic erzählt in seinem neuen Roman immer wieder urkomisch davon, wie er 2006 verbissen nach dem Deutschen Buchpreis für sein vorletztes Werk "Die Arbeit der Nacht" geschielt hat. Es wurde nichts draus. Glavinic schaffte es noch nicht mal auf die "Longlist" der 21 nach Jury-Meinung interessantesten Titel und schon gar nicht auf die "Shortlist" mit sechs Finalisten. Fast so komisch liest sich jetzt, dass der 35-jährige Österreicher mit "Das bin doch ich" auf der Shortlist 2007 steht und zur Frankfurter Buchmesse den Deutschen Buchpreis dieses Jahres bekommen könnte.

Dabei hat er die Latte für sich und seine Leser enorm hoch gelegt mit einem komplett im Präsens geschriebenen Roman, in dem kaum ein Satz ohne das Wort "ich" auskommt. Glavinic macht, ohne jede fiktionale Tarnung, sein tatsächliches Dasein als Schriftsteller mit unablässigem Grübeln über zu niedrige Auflagenzahlen, Futterneid auf erfolgreichere Kollegen, Sucht nach permanenter Bestätigung und dem Alltag in einem eher lächerlichen Literaturbetrieb zum Thema. Für viele Romanleser ist das allerdings etwas, womit man ebenso wenig behelligt werden möchte wie als Restaurantgast mit der Verwaltung des Küchenabfalls.

Der 35-jährige Österreicher Glavinic breitet seinen persönlichen "Müll" als Autor über alle 240 Seiten dieses Buches ohne Hemmungen und gleichzeitig stilsicher aus. Seiner ausgeprägt hypochondrischen Hauptfigur geht das meiste schief. So wie die Absendung der SMS "Hey Schneegranate, alles okay? Bussi" an Ehefrau Else. Zur Beruhigung des schlechten Gewissens aus einer Kneipe. Die Mitteilung kommt aber nicht bei Else an, sondern dem im Handy-Adressbuch unmittelbar darüber eingetragenen Freund Daniel.

Auflagenrekorde per SMS

Das ist der Schriftsteller Daniel Kehlmann, wohl auch im "richtigen Leben" bester Freund von Glavinic. Kehlmanns Mega-Erfolg mit "Die Vermessung der Welt" ist ein weiteres durchgängiges Thema des Romans. Während der erfolgreiche Freund alle zehn Seiten per SMS neue Auflagenrekorde meldet, von weltberühmten Politikern hofiert wird und sich über Geld keine Sorgen mehr machen muss, beklagt Else bei ihrem Thomas ein Minus von 7000 Euro auf dem Familienkonto. Was diesen nicht daran hindert, weiter Erster Klasse zu allerlei merkwürdigen Vernissagen irgendwelcher Bekannter anzureisen, sich oft in Wiener Kneipen komplett zuzusaufen und danach Mails mit hoher Reue-Wahrscheinlichkeit abzufassen.

Glavinic schreibt darüber durchgängig selbstironisch, aber glücklicherweise ohne die oft mühsam dahinter versteckte Selbstverliebtheit. Hinter all der Komik beim täglichen Scheitern seiner Hauptfigur verbirgt sich durchaus mehr als nur die Lächerlichkeit eines eitlen Kunstbetriebs. Die Hauptfigur dieses Buches ist alles in allem ein trauriger Held, man möchte eigentlich nicht so recht in der Haut seiner Ehefrau Else oder von Sohn Stanislaus stecken. Oder vielleicht doch? Jedenfalls kann der Ehemann und Papa die Leute bei der Darstellung seines eigenen Elends sehr schön zum Lachen bringen. (mit dpa)

Thomas Glavinic: Das bin doch ich, Hanser Verlag, München, 240 S., 19,90 Euro