Rezension : Zur Sache Pudel

Erst Dorfpunk, jetzt Großstadtkaputtalist: Rocko Schamonis „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“.

Ulrich Rüdenauer

Die Lektüre eines Menschen kann einiges über seine charakterliche Disposition aussagen. Man ist, was man liest: Rocko Schamonis Held Michael Sonntag hat Melvilles „Bartleby der Schreiber“ und Huysmans „Gegen den Strich“ auf dem Nachttisch liegen – melancholisches Phlegma und ein Hang zum Lebensverdruss sind auch Sonntag nicht ganz abzusprechen. Man ist bekanntlich auch, was man isst: „Ich bin eine lebende, autonome, humanoide Einheit, bestehend aus der Billigproduktpalette von Lidl.“

So schlägt dieses autonome und verdrossene Ich sich mit Fertigprodukten durchs Leben und lässt sich trotzdem die Laune nie vollkommen verderben. Das ist eine Kunst, aber keine, die man studieren kann. Deshalb lässt Sonntag das Kunststudium sein, stolpert unschlüssig und abgenabelt von Freundin Patricia durch seinen Alltag und das Nachtleben Hamburgs, verdient ein paar Mark mit zwielichtigen Jobs und philosophiert ansonsten wie jeder unschlüssige junge Mensch über Sinn und Zweck des irdischen Daseins. Das Ergebnis ist niederschmetternd nüchtern: „Erst muss man geboren werden, dann muss man aufwachsen, dann muss man lieben lernen, dann muss man lernen, alleine zu leben, und dann muss man auch noch sterben.“

Rocko Schamoni führt uns in seinem dritten Buch zurück in die späten achtziger Jahre. Das Sonntagskind lässt seine Geburtstadt Cloppenburg hinter sich, um in der Großstadt zu reüssieren oder zumindest zu überleben. Der Held steht in der Tradition all dieser unruhigen, hochsensiblen, zum Unglück neigenden jungen Männer, die entweder in politischen Krisenzeiten nicht so recht weiterwissen (Kästners „Fabian“) oder in ihren besten und in gesellschaftlich bewegten Jahren am liebsten im Bett blieben. (Werner Enke in „Zur Sache Schätzchen“)

In Schamonis „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ ist nicht einmal zeitgeschichtlich arg viel los, und so stellt sich die Frage umso dringlicher: „Was soll ich tun?“ Im Zweifelsfall nicht allzu viel. Still vor sich hinleiden, ein bisschen hypochondrisch sein, den „Hackenschrauber“ (Analytiker) aufsuchen. Ein bisschen Musik machen, vielleicht auch schreiben, und den Alltag einigermaßen in Takt bringen: „Ich lebe in einem kontraktiven Rhythmus: zusammenkrampfen und entspannen, Normalität und Wahnsinn, das Pendel schlägt weit aus, bleibt niemals in der Mitte stehen.“

Rocko Schamoni, bekannt als Musiker und Autor („Risiko des Ruhms“ und „Dorfpunks“), beschreibt in seinem Roman die Physiognomie des in jeder Epoche von neuem sich langsam zu einer Berufung quälenden Mannes. In dem Falle gibt er dem Phänomen auch gleich einen Namen: Schamoni meint den Typus des „Überflüssigen“, der das Leben als „Frechheit“ empfindet und sich selbst als „Kaputtalist“.

Das klingt alles sehr schön selbstironisch, und gerade bei den zum Selbstmitleidskitsch tendierenden Passagen wird kräftig mit den Augen gezwinkert – um es ja nicht zu feierlich werden zu lassen. Aber doch geht Schamonis „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ weiter als etwa sein Buch „Dorfpunks“, das lustige Episoden einer Kleinstadtjugend zusammengeknüpft hat. Nun wird manchmal die ganz alltägliche Tragik in ihrer schlichten Banalität ausgestellt. Es gibt ein paar wahrhaftige, sogar anrührende Stellen. Etwa wenn der Erzähler die noch gefüllte Kaffeetasse, aus der seine Freundin trinkt, bevor sie ihn verlässt, über Monate hinweg mithilfe einer Warmhalteplatte bei lauwarmer Temperatur aufbewahrt – „ein olympisches Feuer der Liebe“.

Das ist komisch, aber auf melancholische Weise. Daneben findet sich in den „Sternstunden“ aber auch Bedeutungsloses, etliche Kalauer, einige redundante Seiten. Auch stilistisch holpert es manchmal, und man gerät immer mal wieder ins Stolpern. Dennoch: Sympathisch und trostreich heiter ist dieser Roman allemal. Ein großer Schritt für Rocko Schamoni, ein kleiner für die lesende Welt.

Rocko Schamoni: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit.

Roman. Dumont Verlag. Köln 2007.

249 Seiten, 14,90 €