Der Tagesspiegel : Richtiges Gedenken

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Gedenktage sind immer gute Gelegenheiten, an historische Ereignisse oder Persönlichkeiten zu erinnern und deren Bedeutung zu würdigen. Zu dumm nur, dass kein Gedenktag vergeht, ohne dass die Verben gedenken und erinnern grausam malträtiert werden. Am heutigen Sonntag wird des Mauerbaus vor 45 Jahren gedacht. Prompt musste man bereits seit Tagen hören und lesen, dass Politiker und Verbände dem Mauerbau und den Toten an der Mauer gedenken. Erinnert sich noch jemand daran? Also Ältere erinnern diesen traurigen Sonntag 1961, als wäre er gestern gewesen, junge Leute können ihn natürlich nicht erinnern. Mir wird schon ganz angst und bange vor dem 3. Oktober und dem 9. November, denn dann werden wir wieder erleben, wie dem Tag der Einheit und dem Fall der Mauer gedacht wird und wer alles diese Ereignisse erinnert.

Der arme Genitiv! Womit hat er es verdient, dass man ihn scheut wie der Teufel das Weihwasser? Vor lauter Scheu vor der vermeintlich altbackenen Genitivkonstruktion wird das Gedenken mitunter gar sinnentstellend zum Denken. Selbst in „Radio Kultur“ hörte ich den Nachrichtensprecher sagen: „Mit einer Gala … wird an den Gründer des Berliner Ensembles gedacht.“ Gemeint ist Bertolt Brecht, der am 14. August 1956 starb und anlässlich seines 50. Todestages geehrt wird. Der Dichter muss sich im Grabe umgedreht haben. Man braucht keine Gala, um an ihn zu denken. Das ehrende Gedenken ist ein Ereignis, mit dem Brechts Werk gewürdigt wird.

Manche erinnern noch seine Inszenierungen, die sie im Theater gesehen haben. Doch da kann etwas nicht stimmen. Dem Verb fehlt etwas. Das fällt auch Politikern nicht mehr auf, die einen Vorgang genau erinnern, und sie werden von Journalisten eben wörtlich zitiert. Auf unangenehme Fragen antworten Politiker gern mit der beliebten Floskel: Das erinnere ich so nicht. Solche Wendungen sind mundartlich norddeutsch, aber standardsprachlich nicht korrekt. Na schön, auf Englisch würde man sagen: I can’t remember that. Womöglich schleicht sich mit den vielen Fremdwörtern auch noch der englische Satzbau ein. Das Verb erinnern ist ein reflexives Verb, ein rückbezügliches. Dazu gehört ein Reflexivpronomen, das sich auf das Subjekt des Satzes bezieht. Deshalb erinnere ich gar nichts, sondern ich erinnere mich.

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