Der Tagesspiegel : Rinderwahn: Erster BSE-Test positiv

Claus-Dieter Steyer

Im Land Brandenburg gibt es wahrscheinlich den ersten BSE-Fall. Darauf deutet der positiv verlaufende Test eines aus Brandenburg stammenden Rindes hin. Es war am Donnerstag in Nordhorn geschlachtet worden. Die BSE-Untersuchung erfolgte in Hamburg. Endgültige Klarheit soll die Kontrolle einer Fleischprobe im Referenzlabor Tübingen bringen. Das Agrarministerium rechnet mit Ergebnissen aber Anfang nächster Woche. So lange bleibt die betroffene Rinderzuchtanlage Gut Hertefeld bei Nauen gesperrt. Es dürfen keine Tiere ent- oder aufgenommen werden.

Die Polizei sicherte gestern nachmittag das Gelände am Rande des Rhinluches ab. Der Zutritt für unbefugte Personen ist verboten. Tierärzte und Experten des Ministeriums begannen mit ersten Untersuchungen.

"Bislang müssen wir wirklich erst von einem Verdacht sprechen", sagte Hans-Rüdiger Schubert, Abteilungsleiter Landwirtschaft, Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung im Potsdamer Ministerium. "Zu Panik besteht noch kein Anlass." Gerade der Schnell-Test, der in Niedersachsen angewandt worden war, habe in den vergangenen Wochen eine Reihe von Fehlern aufgewiesen.

Herkunft zunächst unklar

Verwirrung hatte gestern die Ortsangabe des Heimatstalles der BSE-Verdacht-Kuh gebracht. Kälberpass und Ohrmarke des vier Jahre und neun Monate alten Rindes wiesen auf eine Anlage in Fresdorf im Landkreis Potsdam-Mittelmark hin. Die dort wirtschaftende Agrargesellschaft Saarmund wurde von Medienvertreter regelrecht belagert. Doch die Geschäftsleitung blockte ab. Der Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft, die die Mutterkuh- Anlage in Fresdorf unterhält, Uwe Naujoks, bestritt, dass das Tier aus diesem Betrieb stammt. Die aktuelle Rinderherde habe nichts mit dem jetzt in Niedersachsen entdeckten BSE-Verdacht zu tun. Das Tier stamme aus dem Bestand des Vorgängers, der Mitte der neunziger Jahre nach Hertefeld im Landkreis Havelland gezogen sei. Die Saarmunder ließen ihre Tiere außerdem in Jüterbog und nicht in Niedersachsen schlachten.

Falsche Fährte

Die Recherche in Hertefeld erwies sich als nicht schwierig. Arbeiter einer am Ortsrand gelegenen Rinderzuchtanlage schüttelten beim Namen des aus Fresdorf ins Havelland gezogenen Eigentümers Hartmut S. den Kopf. "Nie gehört", meinten drei Mitarbeiter übereinstimmend. Selbst beim Verlesen der Adresse reagierten sie nicht und beschäftigten sich weiter mit der Anbringung eines rot-weißen-Sperrbandes. "Da müssen Sie ins nächste Dorf fahren und dann in den Wald abbiegen", erklärte ein Mann. Doch das Auftauchen der Polizei und der Fachleute vom Ministerium zerstreuten alle Zweifel. In diesem Hertefelder Betrieb steht die Herde, aus der die mögliche BSE-Kuh stammt.

1999 hatte der letzte Eigentümer Insolvenzantrag beim Amtsgericht Potsdam gestellt. Wie eine Nachfrage bei der zuständigen Berliner Anwaltskanzlei ergab, ist das Verfahren noch immer nicht abgeschlossen. Im Sommer 1999 muss der jetzige Eigentümer die Gebäude und einen Teil der Tiere vom Pleite gegangenen Vorbesitzer übernommen haben. Zur einer Stellungnahme war der Geschäftsführer nicht bereit.

Bei dem Gelände handelt es sich um eine alte Gutsanlage. Sie war nach Kriegsende verstaatlicht worden. Die Privatisierung nach der Wende sei sehr schleppend verlaufen, berichtete Hans-Rüdiger Schubert vom Landwirtschaftsministerium. Lange Zeit hätten die Ställe und anderen Gebäude leer gestanden. Deshalb seien die Behörden wohl froh gewesen, als sie vom Umzug des Landwirts aus Fresdorf im Süden Berlins hörten.

Anwohner berichteten allerdings von mehreren "schlimmen Vorgängen" in der Umgebung der Rinderzuchtanlage. Im Sommer hätten sie den Tierschutzverband verständigen müssen, weil mehrere Rinder tot im Wald gelegen hätten. Sie seien schlichtweg verhungert. Vor allem Kälber seien von den Vorfällen betroffen gewesen. Die Tierschützer hätten dem Eigentümer eine Vernachlässigung der Rinder vorgeworfen.

Anlage isoliert

Das Brandenburger Landwirtschaftsministerium bestätigte am Mittag, dass die Anlage in Hertefeld inzwischen gesichert und isoliert wurde. Der zuständige Abteilungsleiter im Ministerium und der Landestierarzt seien vor Ort, sagte Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade. Es sei damit begonnen worden, die Bücher des Hofes hinsichtlich der eingesetzten Futtermittel, des Zukaufs von Tieren und der Richtigkeit der Ohrmarken zu prüfen. Mit weiteren Maßnahmen solle jedoch gewartet werden, bis der zweite BSE-Test, der so genannte Prionics-Test, vorliegt. Damit wird spätstens bis Montag gerechnet.

Die Herde, aus der das betreffende Tier stammte, umfasst 430 Milchkühe. Vorerst darf nach Angaben der Fachleute kein Tier vom Hof transportiert. Demonstrativ fuhren gestern Trecker und Bagger an den Agrarexperten vorbei. Ihr Ziel war ein nahes Lager, wo sie Silage zur Fütterung der Rinder aufnahmen. Niemand sollte scheinbar etwa auf die Idee kommen, es würde Tiermehl verfüttert. Dieses Produkt gilt immer noch als ein Hauptüberträger des Rinderwahnsinns. In Hertefeld und Umgebung verbreitete sich die Nachricht vom möglichen BSE-Fall blitzschnell. "Ausgerechnet bei uns so ein Pech", sagte eine ältere Frau. "Irgendwann musste es so ja kommen", ergänzte ihr Mann.

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