Rock gegen Rechts : Neue Töne gegen Rechtsextremisten

Die Ermordung des 55-jährigen Bernd K. am 22. Juli durch zwei Neonazis in Templin hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Mit einem Konzert für Neonazi-Opfer versuchte die "Perle der Uckermark" ihren angeschlagenen Ruf nun wieder aufzubessern.

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Zeichen setzen mit Musik. Knapp 400 Menschen kamen in Templin zu einem Benefizkonzert zugunsten von Opfern rechter Gewalt. -Foto: ddp

Templin - „Wir haben was Besseres vor“, hatten die beiden Jugendlichen, die gestern Nachmittag auf dem Marktplatz von Templin herumlümmelten, nur abwehrend geantwortet. Am Abend fand dort mit lokalen Bands eine Benefizveranstaltung der Stadt unter dem Motto „Gesicht zeigen gegen Gewalt“ statt. Auch sie seien schon einmal „von denen“ angepöbelt worden, „aber die waren nur sturzbetrunken“, erklärten die beiden weiter, als wäre das alles ganz normal. Seit diesem Mord durch zwei Rechtsextreme habe sich nicht viel getan – außer vielleicht, dass die Polizei nun häufiger durch die Straßen fahre. Gegenüber lief gerade ein Glatzkopf entlang, schob einen Kinderwagen. Auf seinem Kapuzenpullover prangte in großen Lettern „Devision Thor Steinar“.

Doch, es tut sich was in Templin. Knapp 400 Menschen fanden sich zu dem Benefizkonzert ein, um ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Gewalt in ihrer Stadt zu setzen. Denn das Image Templins, der „Perle der Uckermark“, ist ramponiert – seit der brutalen Ermordung des 55-jährigen Bernd K. am 22. Juli durch zwei Neonazis und einer weiteren Attacke gegen einen Jugendlichen, die die Staatsanwaltschaft am „Rande eines Tötungsdelikts“ ansiedelt.

80 Rechtsextremisten - 30 gewaltbereit

Man solle sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, forderte der parteilose Bürgermeister Ulrich Schoeneich auf der Bühne. Zahlreiche Templiner hätten Angst, Urlauber überlegten sich bereits, ob sie die Stadt noch besuchen könnten. Deshalb müsse das Ziel lauten: „Keine weiteren Opfer von Gewalt in unserer Stadt.“ Nach den jüngsten Gewaltexzessen war Schoeneich auch kritisiert worden. Erst wollte er nichts von einer rechtsextremen Szene wissen, dann schob er Staatsanwaltschaft und Innenministerium die Schuld zu, diese hätten ihn nicht über den Ernst der Lage informiert.

Von den etwa 80 Rechtsextremisten in Templin schätzt der brandenburgische Verfassungsschutz rund 30 als gewaltbereit ein. Allein von Juni 2006 bis Juli 2007 zählte die Opferperspektive zehn rechtsextreme Gewalttaten. Peter Huth, der das Info-Portal „gegenrede“ in der Uckermark betreibt, spricht von zehn Fällen allein in diesem Jahr.

Gegenüber dem Tagesspiegel äußerte sich Bürgermeister Schoeneich nur zurückhaltend. Er wolle erst ein Informationstreffen mit Verfassungsschutz, Polizei und Mobilem Beratungsteam Anfang September abwarten. Dabei müsse er sich informieren, was genau unter den Begriffen „rechtsextreme Szene oder Struktur“ zu verstehen sei. „Meine letzte Information von der Polizei war, Templin ist eine Insel der Glückseligen.“

Angst von Neonazis bedroht zu werden

Kritik musste sich das Stadtoberhaupt gestern vom Verein Opferperspektive gefallen lassen. Johanna Kretschmann erklärte, die Stadt müsse das Problem konkret benennen: nicht einfach nur die Gewalt, sondern die Gewalttaten von Rechtsextremisten. Besucher der Veranstaltung hielten Schoeneich vor, dass er den Ernst der Lage verkenne. „Es wurde in der Vergangenheit schon öfter auf das Problem hingewiesen. Herr Schoeneich hat es in meinen Augen einfach verschlafen“, erklärte Lothar Priewe, der ehrenamtlich im Arbeitskreis des uckermärkischen Integrationsbeauftragten mitarbeitet. Ähnlich äußerte sich ein älterer Herr, der seinen Namen nicht wollte. Er sei stadtbekannt und habe Angst, von den Rechtsextremen bedroht zu werden.

Rückendeckung bekam der Bürgermeister hingegen von der SPD, aus der er vor einigen Jahren ausgetreten war. Die Stadt sei von der Polizei über das Ausmaß der Neonazi-Szene nur unzureichend informiert worden, erklärte der Vize-Chef der Templiner Sozialdemokraten, Christian Hartphiel. Lob für die Initiative des Bürgermeisters kam von Jürgen Lorenz vom Mobilen Beratungsteam gegen Rechts: „Da ist jetzt Bewegung drin. Auch Dornröschen musste mehrmals geküsst werden, bevor sie aus ihrem Schlaf aufgewacht ist.“ Und auch Staatssekretär Burkhard Jungkamp, Koordinator des Handlungskonzepts „Tolerantes Brandenburg“, erklärte, es sei gut, dass die Templiner sich nun verstärkt gegen Rechtsextremismus engagierten.

Erst am Dienstag bekam die NPD das zu spüren. Mehrere Mitglieder stellten sich auf den Markplatz und drängten die Bürger dazu, der Partei mit einer Unterschrift zur Kandidatur bei den Kommunalwahlen am 28. September zu verhelfen. Doch Einwohner versammelten sich spontan und protestierten gegen die Aktion der Rechtsextremen.

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