Rudern : Quälerei auf der Moldau

In Prag erleidet der Deutschland-Achter eine Niederlage, die möglicherweise noch enorme Auswirkungen hat.

Frank Bachner

Berlin - Bei 1000 Meter begann die Quälerei, aber mit dem Bier hatte das nichts zu tun. Dieter Grahn ist bereit, das zu schwören. Der Hinweis ist wichtig, schließlich spielte sich das Ganze gestern in Prag ab, dort also, wo es hervorragendes Bier gibt. „Am Vorabend hat keiner Tschechen-Bier getrunken“, sagt Grahn.

Umso schlimmer eigentlich, dann hätte er, der Ruder-Bundestrainer, jetzt wenigstens eine Erklärung für die Pleite. Er hat aber keine. Grahn sagt nur: „Es gibt keine Entschuldigung.“ Zweiter ist der Deutschland-Achter geworden, nur Zweiter. Eigentlich hätte er klar gewinnen müssen. Prag, das war ein Einladungs-Rennen auf der Moldau, aber die großen Nationen fehlten. Deutschland, der Weltmeister, war das prominenteste Boot, schärfster Rivale war eine aus Vierer- und Zweier-Leuten zusammengewürfelte Achter-Crew von Dukla Prag.

Dieses Boot lag nach 1000 Metern auf einer Höhe mit den Deutschen. „Meine Leute waren ziemlich überrascht und nicht mehr cool genug“, sagt Grahn. Der Kurs auf der Moldau macht irgendwann einen Knick, deshalb gab’s für die Außenbahnen einen Kurvensprung, wie bei der Leichtathletik. Die Deutschen hatten die äußerste Bahn, nach 1000 Metern war der Kurvenvorsprung aufgebraucht, und das, sagt Grahn, „hat einige erschreckt. Die wollten das Rudern neu erfinden.“ Sie verloren Rhythmus- und technisches Feingefühl. „Eine Quälerei“, sagt Grahn.

Es ist nicht bloß eine Niederlage. Es ist ein herber Rückschlag. Im September findet in München die WM statt, da gelten die Deutschen als Favorit. Sie sind Titelverteidiger. „Ein Dämpfer zur rechten Zeit, wir sind noch nicht so weit, wie einige dachten“, sagt Grahn.

Sieben Weltmeister von 2006 sind im Achter, nur der Ratzeburger Florian Menningen ist neu. So eine Besatzung darf nicht die Nerven verlieren, nicht in so einem Rennen. Das ist Grahns Problem. Er weiß jetzt nicht, wie sehr sein Projekt in Frage gestellt ist. Der Achter ist ein Mythos, ein Boot unter permanentem Erfolgsdruck. Die ganze Strategie von Grahn ist auf Olympia 2008 ausgerichtet, selbst die WM ist da nur ein „Zwischenschritt“ (Grahn). Diese Niederlage ist ein Störfaktor, dessen strategische Bedeutung schwer einzustufen ist. Grahn weiß ja nicht, wie nervenstark seine Leute letztlich sind. Vor allem aber muss er befürchten, dass ihn und seine Leute die Vergangenheit wieder einholt. Dass wieder jenes scheinbare Naturgesetz wirkt, das sie außer Kraft gesetzt hatten.

Das Naturgesetz lautete viele Jahre lang: Der Deutschland-Achter gewinnt den Gesamt-Weltcup, er gewinnt andere Saisonrennen, aber er holt kein Gold bei einer WM oder Olympia. Nur 2000 hatte das Boot im Gesamt-Weltcup nicht Platz eins belegt. Aber das waren nicht die Höhepunkte. Ein Höhepunkt ist Olympia. 2004 wurde das Boot Vierter.

Erst 2006 beendete der Achter diese Serie. Nach elf Jahren Pause wieder ein WM-Titel. Zuvor, selbstverständlich, hatte das Boot den Gesamt-Weltcup gewonnen. Eine Erklärung für den Titelgewinn hatte keiner. Aber Grahn war jetzt vorsichtig geworden. In diesem Jahr ist der Weltcup zweitrangig. Zum Rennen in Linz am vergangenen Wochenende schickte Grahn eine Reserve-Crew, seine besten Leute trainierten stattdessen. „Man muss mal etwas anderes machen“, sagt er. Seine Bestbesetzung wird er nur zu den Weltcups in Amsterdam und Luzern schicken, weil „man harte Rennen gegen die besten Boote braucht“.

Grahn ist auch gelassener geworden. Früher hat er die Besatzung wild durcheinander gewürfelt, Er setzte Michael Ruhe auf den Schlag, ersetzte ihn dann durch Enrico Schnabel, holte Ruhe zurück, warf ihn wieder raus, beförderte Andreas Penkner zum Schlagmann. 2006 durfte Bernd Heidicker auf Schlag, obwohl er wegen einer Verletzung lange pausiert hatte. Aber mit Heidicker holte das Boot Gold, und er ist auch jetzt auf Rollsitz eins. „Es bringt nichts, das ganze Gefüge zu zerstören“, sagt Grahn. „Man muss nicht aktionistisch wechseln.“ Gut, „Heidicker ist auf seinem Platz nicht festgebrannt“, sagt Grahn, „aber er ist im Moment mein Schlagmann.“ Auch der Kern der Besatzung stehe fest.

So sieht bis jetzt der Plan aus. Aber Grahn ist jetzt nicht mehr sicher, ob er ihn durchhalten kann. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Mythos wieder auflebt. Der WM-Titel hat das Image des Boots aufgewertet. Für einen Fernsehsender soll das Boot mit einem Seil einen Luxusliner ziehen, „einen von der Art der ,Aida’“, sagt Grahn. Die Anfrage kam vor ein paar Wochen, Grahn und die Crew haben noch nicht entschieden, ob sie mitmachen. Andere Einladungen haben sie aus Zeitgründen gleich abgelehnt.

Sie haben jetzt auch einen neuen Sponsor, auch ein Erfolg des WM-Titels. Ein Energieunternehmen überweist rund 400 000 Euro pro Jahr. Die Telekom ist 2005 ausgestiegen, ein Jahr lang mussten die Ruderer deshalb vieles aus eigener Tasche bezahlen. „Jetzt müssen sie sich wenigstens nicht mehr überlegen, wie sie die Miete bezahlen“, sagt Grahn.

Er weiß nicht, ob sie gerade dabei sind, ihr neues Image wieder heftig anzukratzen. Er weiß nur eins: „Wir müssen noch hart arbeiten.“