Der Tagesspiegel : Rückenwind

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Claus-Dieter Steyer über den Radtourismus, die Ansprüche der Städter und den Frust der Dörfler

ANGEMARKT

Leicht abschüssig und den Wind möglichst immer von hinten: So lauten etwas überspitzt die Ansprüche des typischen Großstädters an eine Radpartie in Brandenburg. So möchte sich der Berliner am Wochenende möglichst nicht überanstrengen, wenn er sich schon einmal über die Stadtgrenzen hinaus bewegt. Und was erlebt er dann? Wunderbare glatte Asphaltstrecken durch Wälder, um idyllische Seen oder kleine Städte. Zwar geht es nicht nur bergab, und der Wind weht manchmal auch von der Seite oder gar von vorn – aber große Anforderungen stellt das flache Land wahrlich nicht.

Inzwischen erreichen die ausgewiesenen Radwege die stolze Länge von 2400 Kilometern. Davon sind die meisten Strecken erst angelegt worden. Sie tragen klangvolle Namen: Oder-Neiße-Radweg, Berlin-Kopenhagen, Elberadweg, Berlin-Usedom oder Gurkenradweg im Spreewald. Noch fehlen einige Teilstücke, doch schon jetzt lohnen sich Ausflüge. Wie das Wochenende allerdings zeigte, sind viele Tourenvorschläge noch gar nicht bekannt. Obwohl Brandenburg offiziell das „Anradeln der neuen Saison“ feierte und das Wetter mitspielte, hielt sich der Andrang auf den Radwegen in Grenzen. Die neue Radbroschüre der Tourismus-Marketing Gesellschaft mit Tipps und Karten zu zahlreichen Touren füllt da eine große Lücke.

Allerdings bleibt die Neugier nicht auf die Radler aus Berlin beschränkt. Auch Einheimische stehen vielerorts noch erstaunt am Radwegesrand. Mit Ruhe und Abgeschiedenheit ist es nun vorbei. Mancher Märker, der bislang seine Tore vor Fremden verrammelte, kommt damit nicht zurecht. Über Nacht entfernte oder in die falsche Richtung gedrehte Wegweiser sind die Folge.

Auch verbohrte Naturschützer gehen beim Kampf gegen neue Radwege mitunter auf die Barrikaden. Sie fürchten um Pflanzen und Tiere durch zu viel Verkehr. Dabei würde schon ein Blick in den Bayerischen Nationalpark weiterhelfen. Dort haben sich Touristiker und Grüne auf ausgewählte Strecken geeinigt, auf die sich die Radfahrer konzentrieren und andere Gebiete in Ruhe lassen.

So gesehen steckt der Radtourismus in Brandenburg bei allen Erfolgen noch in den Anfängen. Doch diese stimmen optimistisch. Zu Ostern kann es jedermann testen und sich von der Leichtigkeit der Brandenburger Radwege überzeugen – auch wenn es nicht überall leicht abschüssig rollt.

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