Der Tagesspiegel : Ruhe bewahren

Die größten Probleme von McLaren-Mercedes sind die eigenen Mechaniker und patriotische Reporter

Karin Sturm

Berlin - Man mag von Ron Dennis ja denken, was man will – eines kann man ihm nicht vorwerfen: dass er sich einschüchtern lässt. Der Teamchef von McLaren-Mercedes, der vom Mechaniker zum Teamchef in der Formel 1 aufgestiegen ist und seine Herkunft gerne mit besonders gestelztem Auftreten übertünchen möchte, lässt sich nicht von seiner Linie abbringen. Britische Medien hatten den 60-Jährigen massiv wegen angeblicher Stallorder beim Grand Prix in Monaco kritisiert, es wurde deswegen sogar hoch offiziell gegen sein Team ermittelt, trotzdem erklärte er in Montreal vor dem Großen Preis von Kanada, der gestern Abend ausgetragen wurde (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet): „Wenn ich es für angemessen halte, dann werde ich meinen Fahrern weiterhin in der Schlussphase eines Rennens sagen, dass sie die Positionen halten sollen. Das ist keine Stallorder, sondern nur eine vernünftige Strategie, um das optimale Ergebnis für das Team zu sichern.“

Solche Hinweise scheinen vor allem für Lewis Hamilton notwendig zu sein. Denn der Formel-1-Neuling neigt dazu, in jugendlichem Ungestüm das eigentlich Unmögliche zu versuchen. In Monaco hatte er, völlig unsinnig, versucht, den führenden Teamkollegen Fernando Alonso zu überholen. Alonso gibt sich – ganz zweimaliger Weltmeister – wesentlich abgeklärter. Vor allem, weil er weiß, dass er in einem stärkeren Auto sitzt als die Konkurrenz von den anderen Teams. „Es ist logisch, dass man nach dem letzten Boxenstopp weniger aggressiv angreift, wenn man hinter dem eigenen Teamkollegen auf Platz zwei liegt, als wenn man etwa gegen einen Ferrari kämpfen würde“, sagt er. Acht Punkte sicher mitzunehmen sei auch eine vernünftige Lösung. „Ich muss am Ende in Brasilien Weltmeister werden, nicht hier“, sagte Alonso in Montreal.

Viele vergleichen die Situation bei McLaren-Mercedes heute schon mit dem legendären Teamduell zwischen Ayrton Senna und Alain Prost Ende der 80er Jahre. Allerdings gibt es – zumindest im Moment – einen gewaltigen Unterschied: Während die Situation damals vor allem aufgrund persönlicher Differenzen zwischen Senna und Prost eskalierte, herrscht zwischen Alonso und Hamilton sehr viel gegenseitiger Respekt.

Die einzige Gefahr für Ron Dennis als Teamchef besteht in gezielten Störversuchen. Die kommen derzeit von allen Seiten, von innen und von außen. Intern bedeutet, dass ein paar extrem national gesinnte Briten bei McLaren-Mercedes aus der unteren Etage, sprich Mechaniker, ihren Landsmann Hamilton offen oder verdeckt bevorzugen. Damit wird die Gesamt-Atmosphäre des Teams erheblich gestört. Schon mehr als einmal schauten sich deswegen Mitglieder des AlonsoUmfelds – sein Manager Luiz Garcia, aber auch seine Frau Raquel – ein Qualifying oder Rennen nicht in der Box von McLaren-Mercedes an.

Natürlich ist dieses Problem in Griff zu bekommen. Wenn es sich zuspitzt, dann wird die Führungsspitze ganz sicher einschreiten. Die Team-Verantwortlichen wollen ja auch eine vernünftige Stimmung in ihrem engsten Umfeld. Schwieriger bis gar nicht unter Kontrolle zum bekommen ist mit Sicherheit der echte oder gefühlte Patriotismus der Medien. Britische Journalisten auf der einen, spanische auf der anderen Seite, die Fronten sich klar abgesteckt. Was immer passiert, die jeweils andere Seite ist daran schuld. Jedenfalls für diese beiden Parteien. „Wenn ich im Qualifying mit weniger Sprit fahre als Lewis und deshalb auf der Pole-Position stehe, dann schreien die Engländer auf und reden von Benachteiligung. Fahre ich mit mehr Sprit und bin deshalb schlechter, schimpfen die Spanier“, sagt Alonso.

Dennis gibt seinen Fahrern einen einfach Rat: „Am besten gar nicht hinhören und das tun, was man selbst für sich und das Team für richtig hält.“ Er steht da gern als Vorbild bereit.