Russland verliert im Halbfinale : Achtung Deutschland! Die Spanier kommen

Im EM-Finale am Sonntag trifft die deutsche Mannschaft auf Spanien. Mit einer starken Leistung schlug das Team von Trainer Luis Aragones Russland im zweiten Halbfinale in Wien 3:0. Der ewige, stets schön scheiternde Geheimfavorit wird nun zum Favoriten gegen Deutschland.

Sven Goldmann[Wien]
Guiza
Lehmann, schau genau hin. Güiza macht das 2:0 gegen Torwart Akinfejew.Foto: dpa

Spanien fordert die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag im EM-Finale. Aber was heißt schon fordern? Die Spanier spielten beim 3:0 (0:0) gegen Russland so leidenschaftlich, lustvoll und wuchtig auf, dass ihnen die Favoritenrolle für das Endspiel schwerlich abzusprechen ist. Die Russen, bis zum Halbfinale immerhin die Überraschungsmannschaft des Turniers, fanden im Wiener Dauerregen nie zu der noch im Viertelfinale gegen Holland demonstrierten Brillanz. Vor 50 000 Zuschauern im Ernst-Happel-Stadion schossen Xavi Hernandez, Daniel Güiza und David Silva die Tore, zweimal davon vom überragenden Cesc Fabregas in Szene gesetzt, der nach 35 Minuten für den verletzten David Villa eingewechselt worden war. Villa könnte nun wegen einer Oberschenkelzerrung im Finale gegen Deutschland ausfallen. "Ich weiß nicht, ob er spielen kann", sagte Spaniens Trainer Luis Aragones.

Nur kurz litt Spaniens Spiel unter dem frühen Verlust des Stürmers vom FC Valencia, mit vier Toren der bisher erfolgreichste Schütze des Turniers. Villa hatte sich offensichtlich bei einem Freistoß verletzt. Ein paar Minuten lang humpelte er noch über den Platz, dann blieb er im Mittelkreis liegen, unfähig, das Spiel fortzusetzen. Bis dahin hatte er der russischen Abwehr im Duett mit Fernando Torres schwer zugesetzt, er war der auffälligste Mann in der spanischen Offensive. Einmal setzt Villa seinen Nebenmann mit klugem Pass in Szene, Torres schoss sofort aus spitzem Winkel, aber Akinfejew wehrte mit dem Fuß ab. Dann versuchte er es selbst, mit einem Flachschuss vom linken Strafraumeck, aber auch dieses Mal wehrte der russische Torhüter mit dem Fuß ab.

Für Villa schickte Luis Aragones den Mittelfeldspieler Fabregas auf den Platz. Damit trat jene Situation ein, die der spanische Trainer sonst stets vermeidet. Fabregas ähnelt in seiner Spielanlage so sehr Barcelonas Xavi, dass sich die beiden bei gemeinsamen Einsätzen oft gegenseitig auf den Füßen stehen. Gestern aber gaben die beiden dem Spiel die entscheidende Wende. Fünf Minuten waren gespielt in der zweiten Halbzeit, da kreuzte Fabregas so geschickt hinter dem ballführenden Xavi, dass die Russen die Orientierung verloren. Xavi passte auf Iniesta, spurtete in den Strafraum und drückte Iniestas Pass allein vor Akinfejew ins Tor.

Jetzt lief das spanische Spiel, angetrieben von Fabregas, der endlich einmal in der Nationalmannschaft seine strategischen Fähigkeiten ausspielte und dabei zeigte, wie gut er mit Xavi harmonieren kann. Gemeinsam mit Iniesta bildeten die beiden Spielmacher eine Achse, die der deutschen Mannschaft im Finale alles abverlangen wird. Fabregas, Xavi und Iniesta – alle drei kommen sie aus der Nachwuchsschule des FC Barcelona, dem Sinnbild des schönen Fußballs.

Die Russen mühten sich nach Kräften, vermochten den Spaniern aber die Kontrolle nicht ehr zu entreißen. Vielleicht lag es am strömenden Regen, vor allem aber am dicht gestaffelten Mittelfeld der Spanier, das dem Tempofußball  viel von seiner Wirkung nahm. Gegen die angriffslustigen Holländer hatten sie sich sehr viel leichter getan. Andrej Arschawin, der Irrwisch aus St. Petersburg, kam nur schwer in Tritt. Gleich zu Beginn ließ ihn der spanische Abwehrchef Carles Puyol über das ausgestreckte Bein springen, später stieß er abermals mit Puyol zusammen und musste an der Seitenlinie behandelt werden. So lasteten die Angriffsbemühungen vorwiegend auf Roman Pawljutschenko, der sich in der ersten Halbzeit ein paar Mal schön in Szene setzte und auch zwei gute Torchancen vergab. Später war nicht mehr viel von ihm zu sehen.

In der zweiten Halbzeit ging Gefahr nur noch von den Spaniern aus. Fernando Torres traf nach Sergio Ramos' schöner Flanke den Ball unglücklich mit dem Knie, dann wurde abermals Torres nach Fabregas’ Steilpass in letzter Sekunde von einem russischen Abwehrbein gestoppt. Zwanzig Minuten vor Schluss nahm Trainer Aragones den erschöpften Xavi und den glücklosen Torres vom Platz. Und durfte sich bestätigt fühlen, als nur vier Minuten später der eingewechselte Güiza das entscheidende 2:0 schoss, nach perfektem Direktzuspiel von Fabregas. Und natürlich hatte der beste Mann auf dem Platz auch beim dritten Tor den Fuß im Spiel. Silva hatte in der 82. Minute keine Mühe, Fabregas’ Querpass aus Nahdistanz über die Linie zu drücken.

"Wir nehmen Zuversicht aus diesem Turnier mit - auch für die WM-Qualifikation gegen Deutschland", sagte Russlands Trainer Guus Hiddink. "Aber eigentlich interessiert mich das in diesem Moment noch nicht." Zu frisch war noch die Niederlage und das Ausscheiden für einen Ausblick.

Aragones durfte sich dagegen mit der näheren Zukunft befassen, dem Finale am Sonntag: "Gegen Deutschland wird es schwer", sagte Spaniens Trainer. Eher wird es wohl für Deutschland nicht leicht. Doch Aragones erkärte die Deutschen zum Favoriten: "Sie kennen das Gefühl, in einem Finale zu stehen. Wir Spanier kennen das nicht."