Der Tagesspiegel : Rußlandkrise: Lkw-Grenzstau ist passé

CLAUS-DIETER STEYER

FRANKFURT/ODER .Zum Spatenstich für die neue Lkw-Staufläche vor dem Grenzübergang Frankfurt (Oder) waren vor einem halben Jahr noch ein Staatsekretär aus Bonn, der Brandenburger Verkehrsminister und die Spitze der Cottbuser Oberfinanzdirektion an die Autobahn A 12 geeilt.Bei Fertigstellung des riesigen Parkplatzes für weitere 500 Lastzüge fehlte jegliche Prominenz.Niemand zerschnitt Bänder, erhob ein Glas oder hielt Reden.Nicht einmal eine Pressemeldung wurde verschickt, obwohl doch hier für mehrere Millionen Mark viele hundert Quadratmeter märkischer Sand zuasphaltiert worden waren.

Es fehlte wohl der Anlaß zum Feiern.Denn im Moment braucht niemand die zusätzliche Staufläche.Die Zahl der Lkw hat sich seit der Rußlandkrise am Grenzübergang Frankfurt nahezu halbiert.Es gibt keine Wartezeiten mehr und keinen Stau auf der Autobahn.Der einst nachdrücklich von der Oderstadt geforderte große Parkplatz für die Trucks liegt nun verlassen in der Gegend.

Im Schnitt passierten bis Anfang August täglich 2400 Lkw die Kontrollstelle vor der Autobahnabfahrt Frankfurt.Wartezeiten von zwölf und 24 Stunden oder sogar mehreren Tagen waren keine Seltenheit.Die Lkw-Schlange zog sich mitunter 50 Kilometer lang bis zum Berliner Ring, was der A 12 den Beinamen vom "längsten Parkplatz Europas" einbrachte.Heute steuern pro Tag höchstens 1400 Lastwagen den größten deutsch-polnischen Grenzübergang an.Vor allem Fahrer nach Rußland, in die Ukraine, Weißrußland und ins Baltikum fehlen.Die Importfirmen können die Waren aus dem Westen nicht mehr bezahlen.

Ein Fahrer aus der Nähe von St.Petersburg berichtet, daß tausende Lkw mit russischen Kennzeichen in ganz Deutschland auf Ladung warten."2000 stehen allein in Bremen, weitere 1000 zwischen Leipzig und Chemnitz", sagt er in gutem Deutsch."Ich war einst in Neuruppin bei der Armee als Dolmetscher stationiert.Lange her, aber nicht vergessen." Seinen Kollegen in den Lkw gehe es ziemlich dreckig.Die meisten hätten doch nur 200 Mark Taschengeld für die Fahrt erhalten."Jetzt müssen die sich irgendwie durchschlagen und auf ein Ende der Krise hoffen."

Den Parkplatz vor Frankfurt mit jetzt fast 1000 Stellplätzen betreibt seit zwei Monaten eine private GmbH, die vom Hauptzollamt für ihre Dienste bezahlt wird.Die Angestellten teilen den Fahrern die Laufzettel aus, den sie dann im gemeinsamen deutsch-polnischen Zollterminal auf der anderen Oderseite in Swiecko vorweisen müssen.Anfangs regulierte die GmbH auch die Parkordnung auf dem Platz und das geordnete Abfahren.Doch das ist nun nicht mehr nötig.Es gibt nichts mehr zu tun.Von den ursprünglich zwölf Beschäftigten mußten die Chefs bisher zwei entlassen, weitere sechs beziehen Kurzarbeitergeld.Geschlossen ist seit Mitte September das Bistro "Truck Stop".Auch die Lebensmittelhalle und der russische Trödelladen leiden unter der Umsatzflaute.Dabei hätte schon jetzt das Weihnachtsgeschäft anlaufen müssen.

Einzig das Brandenburgische Autobahnamt begrüßt das Ausbleiben des üblichen Lkw-Staus.Denn so kann der dringende Neubau der völlig ramponierten Fahrbahnen weitgehend störungsfrei ablaufen.Teilweise mußte bisher auf langen Abschnitten die Geschwindigkeit auf Tempo 40 reduziert werden, um überhaupt einigermaßen ungeschoren über Schlaglöcher oder aus den Fugen geratenen Betonplatten zu kommen.So ganz trauen Polizei und Zoll aber dennoch nicht der augenblicklichen Ruhe.Die acht Kilometer lange Reservestaufläche auf der Autobahn hinter Fürstenwalde bleibt vorerst weiter für den normalen Autoverkehr gesperrt.Der Grenzverkehr der Lastzüge könne ja schlagartig wieder zunehmen, heißt es.

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