Der Tagesspiegel : Sag mir, woher die Blumen sind

Viele Menschen achten bei Lebensmitteln auf Gütesiegel und fairen Handel. Warum also nicht auch bei den Schnittblumen?

Inge Ahrens

Dirk Jäger handelt das ganze Jahr über mit Orchideen. Privatkunden und Floristen gehen bei ihm ein und aus. Der 35-jährige studierte Gärtner, der 2003 den gut eingeführten Familienbetrieb Orchideen-Valerius in Berlin-Rudow übernahm, ist einer der größten Züchter und Produzenten des extravaganten Knabenkrautes in den neuen Bundesländern. Tariflohn für seine Mitarbeiter, umweltschonende Düngung der Pflanzen, Einsatz von Pestiziden nur im Ausnahmefall – das alles ist für ihn selbstverständlich.

Da kam ihm eine Informationsveranstaltung von FLP (Flower Label Program) gerade recht, das für ein Pilotprojekt in Deutschland neun Modellbetriebe suchte, die bereit waren, ihre Blumenproduktion regional, umweltfreundlich und sozialverträglich zu betreiben, um dafür künftig mit dem FLP-Zertifikat „regional-fair-bio“ ausgezeichnet zu werden. Bei Jäger rannten sie offene Türen ein. Die genauen Richtlinien für die Produzenten zur Erlangung des Labels werden von FLP gerade erarbeitet. Der Kunde soll dann später bereits an der Verpackung erkennen, dass er ein faires Produkt kauft.

FLP wurde 2003 als eingetragener Verein gegründet, nachdem Terres des Hommes, Brot für die Welt und Fian (Food First Informations- und Aktionsnetzwerk) auf die katastrophalen sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Bedingungen bei der Blumenproduktion insbesondere in Dritt-Welt-Ländern aufmerksam gemacht hatten. Ein Gütesiegel musste her, das Blumen unter fairen Bedingungen anbaut und als solche auch deutlich macht. Das war nicht so einfach, denn der Handel fürchtete, schlafende Hunde zu wecken. Welcher Verbraucher denkt schon daran, was Blumen von weit her so alles anhaften kann. Für FLP sind Zierpflanzen das am meisten mit Pestiziden verseuchte Pflanzenprodukt.

Man einigte sich schließlich. Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften, Kirchen, Blumenproduzenten und Blumenfachhändler, im Produktionsland und hier in Deutschland. Floristen und Verbraucher in Deutschland sollten sich wohlerfühlen mit ihren Blumen, vor allem aber auch die in Südamerika und Afrika zuhauf in der Blumenproduktion arbeitenden Frauen. In den meisten Betrieben, ob nun in Äthiopien, das als Newcomerland im Rosenanbau gilt, oder in Ecuador, woher die meisten Rosen heute kommen, stehen die Arbeiterinnen noch immer in ihrer Tageskleidung und in Flip-Flops mit nackten Füßen und Händen in den Giftlaken. Von Kenia weiß FLP, dass die giftverseuchten Abwässer aus der Blumenproduktion geradewegs in den naturgeschützten Naivasha-See geleitet werden.

Blumen, die das FLP-Label tragen, sollen unter anderen Voraussetzungen gezogen werden: existenzsichere Löhne, Gewerkschaftsfreiheit, Verbot von Kinderarbeit, Gesundheitsvorsorge, Verbot hochgiftiger Pflanzenschutzmittel, verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen. Mithilfe der Landarbeitergewerkschaften – sofern vorhanden – und deutschen Hilfsorganisationen vor Ort werden Netzwerke gebildet. Vor allem aber müssen die Manager der Betriebe davon überzeugt werden, dass sie unter veränderten Arbeitsbedingungen ein hochwertigeres Qualitätsprodukt schaffen, für das auch bessere Preise erzielt werden können.

Inzwischen gibt es insgesamt 61 FLP-zertifizierte Betriebe: in Kenia, in Portugal, vor allem aber in Ecuador. Aus diesen Ländern kommen Nelken, Lilien, Hortensien, Calla, aber auch Phlox, Sonnenblumen und Astern und allerlei Schnittgrün, das in Portugal wächst. Vor allem aber sind es Rosen: die Ecuador-Rosen in mehr als 300 Varietäten, die durch ihren fast astharten geraden Stängel und die dichte (nicht duftende) Fülle ihrer starken Blüte das ganze Jahr über beeindrucken. 2000 bis 3000 Meter hoch in den Anden bei perfektem gleichbleibenden Klima wachsen in von der Sonne beheizten Treibhäusern Rosen für Europa. In den für FLP kontrollierten Plantagen – „Pfusch gibt es immer“, sagt Silke Peters von FLP – tragen die Menschen Schutzanzüge, Handschuhe und Masken und dürfen für Tage die Treibhäuser nicht betreten, wenn Pestizide aufgesprüht wurden. „FLP-Blumen sind keine BioBlumen“, betont Silke Peters. Denn ganz ohne die Gifte wäre die Ecuador-Rose nicht so blütenrein, wie die meisten Käufer sie wollen. Der Verbraucher trägt also eine Mitverantwortung für alles, was wächst. Bei Lebensmitteln, Gemüse und Obst sind viele Menschen bereits aufmerksam geworden und bestreiten einen Großteil ihrer Nahrung aus saisonal und regional angebauten Produkten. Warum also nicht auch bei den Blumen?

Christian Koch vom Unternehmen Blumen-Koch in Wilmersdorf gehört zu den Förderern fairer Blumen. Er wünscht sich allerdings mehr attraktive Label und Aufklärungsmaterial für seine Kunden, um die Ware auch im Laden kenntlich und attraktiv zu machen. Vor allem aber fehlt es ihm an einem breiteren Blumenangebot. Bisher hat er besonders Rosen aus Ecuador im Angebot, auch und vor allem, wenn die Felder in den deutschen Anbaugebieten längst verblüht sind. 15 000 Floristen gibt es in Deutschland. Da Florist aber kein geschützter Begriff ist und praktisch jeder einen Blumenladen aufmachen kann, kann man die genaue Anzahl nur vermuten.

Bei FLP sind 1300 gelistet. 38 allein in Berlin, wobei viele FLP-Ware anbieten, ohne sie zu kennzeichnen. 86 Großhändler bundesweit bieten FLP-Waren an. 2006 wurden 3,2 Milliarden Euro für Schnittblumen ausgegeben. Auf jeden Bundesbürger kommen 38 Euro. Nur drei Prozent waren FLP-gelabelt. Zehn Milliarden Schnittblumen aus aller Welt landen per Frachtflugzeug in Frankfurt, fast 90 Prozent davon via Holland, den Dreh- und Angelpunkt für Schnittblumen. Nicht mal 20 Prozent aller Schnittblumen wachsen in deutschen Gewächshäusern. Das Argument, so viele Flugzeuge verschmutzten die Umwelt, kontert Silke Peters damit, dass man erforscht habe, dass das Heizen von Gewächshäusern mindestens ebenso schädlich sei.

Wer das ganze Jahr über Tulpen haben möchte, verspielt außerdem den Reiz des Saisonalen und verliert so den Überblick über Herkunft und Aufzucht der ewig Verfügbaren. Auf die Finger schauen kann er den Erzeugern schon gar nicht. Das machen andere für FLP: angekündigte Kontrollen und überraschende Stichproben. „In der Adventszeit Sonnenblumen? Muss denn das sein“, stöhnt Dirk Jäger in Rudow. Und hofft, mit dem FLP-Label das Jahreszeitliche noch mehr betonen zu können. Weniger bei seinen Orchideen, denn die sind ja ein Ganzjahresprodukt, als bei den 20 Sorten Dahlien, die er im späten Sommer außerdem noch als Schnittblumen anbietet.

Weitere Informationen unter:

www.fairflowers.de

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