Salzburger Festspiele : Erhabene Egoisten

Die Salzburger Festspiele beschließen mit Marthalers „Sauser aus Italien“ ihr Scelsi-Projekt.

Georg-Albrecht Eckle

Wo könnte sich der Erfinder Christoph Marthaler besser ausleben als auf der Salzburger Pernerinsel? Balkone, über die man tief in Zimmer blickt, eine monumentale Dachterrasse, darunter die Pensione Ragusa: Bühnenbildner Duri Bischoff hat ein veritables Haus ins Fabrikhallenambiente gesetzt, zweistöckig, wie aufgeschnitten, ein Setzkasten für synchrone Bilderwelten. Hier also ruht, so verheißt die Magazin-Landschaft im Hintergrund, das Erbe Giacinto Scelsis (1905–1988), jenes legendenumwobenen Komponisten der Moderne, dem der Abend gewidmet ist.

In „Sauser aus Italien“ nämlich, einer Urheberei, geht es um die Dialektik von Original und Fälschung, um eine Art Sinn im Unsinn also. Marthaler bebildert – nie giftig, immer liebevoll – die Biografie Scelsis in vielerlei Versatzstücken und spinnt so die fragwürdige Urheberschaft von dessen Werken weiter. Erst spät fand Scelsis Oeuvre Beachtung und bleibt dennoch mit nichts vergleichbar. Salzburgs Konzertchef Markus Hinterhäuser hat nun ein neunteiliges Projekt entwickelt, den „Kontinent Scelsi“, voller Winkelzüge und Bezüge. Ein Verdienst, das dem Festspielpublikum viel Lust am Außenseiterischen abverlangt.

Scelsi, der italienische Adelige, wollte stets mehr sein als nur Komponist: ein Autodidakt, der sich keiner Lehre anschloss, Dichter, Gottsucher zwischen allen Religionen. Scelsi misstraute jedweder Schriftlichkeit und Verschriftlichung, der Notenschrift zumal, und so weiß man eben nicht ganz, wer hier nun eigentlich was erzeugt hat. Der kompositorische Nachlass besteht aus zahllosen Tonbändern, auf denen er eruptiv Klavier spielt. Eine Mannschaft eigens angeheuerter Tonsetzer (Scelsi war reich) brachte das Gehörte dann zu Papier.

Auf diese Weise wird der Originalitätsbegriff ins Zwielicht getrieben. „Kunst ist sehr einfach, oder sie ist es nicht.“ Sagt Scelsi. Autor, Werk, Ewigkeit sind seine Ziele nicht. Man hat seine Musik religiös genannt, nicht ganz zu Unrecht, besser vielleicht: ein Mysterium ohne konfessionelle Präferenz.

Und so könnte man auch Marthalers Vision nennen, nur dass er Scelsis Mystik in die Symbolik des Alltags jener Pensione Ragusa übersetzt. Ein Satyrspiel zur großangelegten Komponistenrecherche, in dem alles erlaubt ist. Marthaler erzählt zehn Bildgeschichten zu zehn Werken Scelsis, die vom Klangforum Wien mit aller nur denkbaren Hingabe gespielt werden. Die Darsteller – grandios besetzt von Bettina Stucky über Joseph Ostendorf bis Graham J. Valentine – sprechen zwar da und dort Texte, vielleicht sogar von Scelsi, haben aber im Grunde keine Dialoge. Meistens herrscht Stille zur Musik und stumme Aktion – bisweilen im Zeitraffer, so dass bestürzende eine Gegenrhythmik entsteht. Das bewegte Bild setzt gewissermaßen Schicksalsakzente aus dem Alltäglichen ins musikalische Klangmoment. So hat die klischeetypische Italienatmosphäre der fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts mit der zu trocknenden Unterwäsche auf dem Balkongitter durchaus ihre Symbolik ...

Bleibt die Frage nach dem Inhalt. Sinnsuche wäre gewiss falsch. Aber es gibt immer wieder momentane Sinngebungen, diese von Marthaler lustvoll gesetzten Akzente. Sein Spiel entsteht ganz aus der assoziativen Fantasie, die – spiegelbildlich zu Scelsi? – keiner abgezirkelten Urheberschaft bedarf, sondern alles montiert: im Sinne der Allusion. Dafür erfindet er aus dem Stoff heraus freie Rahmen – hier die Geschichte der Pensione Ragusa, deren Besitzerin Ana H. spurlos verschwindet. Ihr Verschwinden will man sich nun aus den Hinterlassenschaften der letzten acht Gäste erklären. Und aus dieser Rekonstruktion wird Zukunft, daraus entstehen eben jene zehn Szenen, oft in den abenteuerlichsten musikalischen Besetzungen – herrliche Soli der Klangforum-Solisten (Trompete, Geige, Klavier, Gitarre, Harfe, Kontrabass), ein brillantes Streichquartett und, besonders rührend, das Finalduo mit Geige und Cello oben im Balkonzimmer.

Bleibt zu fragen: Welche Art Kunst resultiert aus dieser Mischung? Nichts mehr erscheint als das, was es einmal war. Hier geht es, wie immer bei Marthaler, nicht um logische Entwicklungen oder Abläufe. Hier geht es um Zustände, um das, was zueinanderkommt, bisweilen ganz sprichwörtlich eben alles zu allem. „Der Mensch ist ein erhabener Egoist“: Dieser Satz aus dem Stück, von wem immer er stammt, könnte am Ende so gut von Scelsi sein wie von Marthaler. Das Mysterium wohnt im Banalen. Oder: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt. So oder so ähnlich wurde das schon einmal formuliert. Egal, von wem – war’s nicht Napoleon?