Der Tagesspiegel : Schlaflos im Einkaufscenter

TOBIAS ARBINGER

Nervenaufreibende Promotionaktion an A 10 hört nicht auf: drei Paare 33 Tage im BettVON TOBIAS ARBINGER WILDAU.Das A 10-Center bei Wildau könnte auch in Texas liegen.Schon der Parkplatz ist gigantisch, sich hier zu verirren keine Kunst.Haushohe Werbetafeln an der Stirnseite des Einkaufs-Paradieses verkünden ihre Botschaften, überragt von den Reklame-Masten der Hamburger-Stationen.Der Konsum-Komplex steht Fußballarenen in der Größe nicht nach.Durch seine flughafentauglichen Korridore schieben Kunden überdimensionale Einkaufswagen. Kein Wunder also, daß sich hier, wo das amerikanische Format die Regel ist, auch 10 000 Mark im Schlaf verdienen lassen.Mit diesem Versprechen startete Anfang Januar ein "Schlafwettbewerb", bei dem drei Teams versuchen, länger als die Konkurrenz in Ehebetten auszuharren, die der "Mega-Möbelmarkt" mitten in das A 10-Center gestellt hat.Alle drei Stunden dürfen sie auf die Toilette, am Morgen 30 Minuten zum Waschen.Seit 33 Tagen liegen die Pärchen nun in den Federn - und werden von Passanten, Reportern und dem Supermarkt-Betrieb um den Schlaf gebracht. Denn im A 10-Center geht nie das Licht aus.Nachts seien die Reinigungskolonnen zugange, erzählt Torsten Kolatte, Trockenbauer aus Fürstenwalde.Am schlimmsten sei, "wenn um halb vier morgens das Frühstücksfernsehen kommt", sagt der 24jährige und zieht an seiner Zigarette.Mit zwei Reisetaschen ist das Paar - "Team B" - vor fünf Wochen in den Schauraum gezogen.Seitdem bewohnt es eine "topmoderne" helle Schlafzimmergarnitur, durch Stellwände von Asia-Shop und Drogeriemarkt abgeschirmt, aber offen zu den Grabbeltischen von Peek und Cloppenburg. Torsten schlägt mit Videospielen die Zeit tot - in einem streckt eine Blondine einen Bären mit Karatetritten nieder.Britt, 25, liest Kitschromane, zehn Schmöcker habe sie schon durch.Die ganze Zeit über dröhnt Techno-Musik aus Kaufhausboxen, ab und zu gibt eine sanfte Stimme "Verbrauchertips".Der Bäcker nebenan versorge sie mit Essen, sagt Torsten, der dunkle Ringe unter den Augen hat."Haltet durch", ruft jemand im Vorbeigehen.Britts Nachttisch ist vollgestellt mit Glücksbringern und Blumen.Mitbringsel auch von Freunden aus der "Sportklause", die ihren Samstags-Stammtisch an das Bett verlegt haben. Im grünlackierten Bett nebenan liegen zwei Berliner Hausfrauen, denen die Nachbarn bereits auf die Nerven gehen.Das junge Paar würde abends "absichtlich die Musik lautdrehen, um uns hier rauszukriegen", sagt Renate Brettschneider, 44, die sich mit "sticken, stricken und knüpfen" die Zeit verbringt."Frische Luft" sei das einzige, was sie vermisse, sagt Frau Brettschneider, während ein Pulk Neugieriger das Schlafzimmer betrachtet. André Scala - blonde Haare, blaue Sträne - nennt das Wettliegen die "große Chance" für sich und seine Freundin.Die "Chaosaktion" sei harte Arbeit, danach Schluß mit den Gelegenheitsjobs, er rechne fest mit seinem 5000-Mark-Anteil.Die beiden 21jährigen Berliner wollen nicht nur das Geld "rausholen".Sie hoffen auch, durch den Medienrummel an Lehrstellen zu kommen.Schon jetzt nutzen sie ihre Popularität, um sich bei den umliegenden Geschäften mit Gratis-Computerspielen, T-Shirts und Kinofreikarten einzudecken.Die Händler wollen, daß man ihre Ware im Fernsehen sieht.Vorhin sei jemand von Coca-Cola da gewesen, außerdem hoffe er auf ein "D-2-Handy", erzählt André, während ein Techniker Kabel verlegt für eine Life-Show von Pro-Sieben. Ein ziemlicher Erfolg sei die Aktion ja, sagt die Leipziger Werbefrau Christiane Fischer, die seit fünf Wochen auf den Beinen ist.Dennoch stehe sie langsam "ratlos" da.Niemand habe damit gerechnet, daß sich das Wettliegen solange hinzieht, und kein Team wolle aufgeben.Der Werbegag wird langsam teuer, rund um die Uhr müssen Wachmänner eingesetzt, muß Verpflegung bezahlt werden.Vergangene Woche versuchte A 10-Center-Manager Hans-Jörg Kleinow dem Spuk ein Ende zu machen.Wie ein reicher texanischer Onkel zückte er fünf 1000 Mark-Scheine, die das Teams bekommen sollte, das sofort nach Hause geht.Christiane Fischer: "Sie haben sich nur zurückgelehnt und abgewunken."

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