Der Tagesspiegel : Schlaubetal: Die Spur der Steine führt nach Henzendorf

Jörg Schreiber

Der babylonische Wettergott Teschub steht mitten auf dem Feld. "Er ist uns wohl gesonnen und hat bei den bisherigen Veranstaltungen meist für gutes Wetter gesorgt", schmunzelt Lutz Köhler vom Naturpark Schlaubetal. Der Wettergott ist aus einem der Hunderten von Steinen geschlagen, die im Findlingspark Henzendorf (Oder-Spree) rund 15 Kilometer südwestlich von Eisenhüttenstadt Besucher anlocken. Das "steinreiche" Gelände ist bei Kindern besonders beliebt.

Bereits im Jahr 1992 schufen die polnischen Künstler Kazimierz Krewniak und Adam Sobiraj im Tagebau Nochten Kopien keltischer und hethitischer Steinmetzarbeiten. Die Idee zu dem Park hatte der Berliner Ulrich Thiel. Er ist heute auch künstlerischer Leiter der Anlage. Thiel hatte gemeinsam mit den beiden polnischen Künstlern zunächst im südbrandenburgischen Döbern Findlinge aufgestellt. Rückübertragungsansprüche zwangen Thiel zur Suche nach einem neuen Grundstück. Durch Zufall geriet er dabei an Vertreter des Naturparks Schlaubetal, die die Idee gut fanden. Schließlich sei das Land seit der Weichsel-Eiszeit vor 90 000 Jahren eine "steinreiche Gegend", sagt Köhler. Die Eiszeit-Findlinge wurden von den Eismassen über hunderte von Kilometern hinweg ins Land gebracht. Dieser mehr oder weniger zerriebene Gesteinsschutt wurde nach dem Abtauen des Eises als Grund- oder Endmoräne abgesetzt, vom kleinsten Partikel bis zum Großblock. Die Dorfstätte Henzendorfs war schon in der Bronzezeit besiedelt. Beim Gang durch das Dorf in der Niederlausitz fällt auf, dass für den Bau der Häuser gerne Feldsteine benutzt.

Der Landschaftspflegeverband "Naturpark Schlaubetal-Gubener Heide/Oder-Neiße" kaufte ein vier Hektar großes Stück Land am Rande eines früher von den russischen Streitkräften genutzten Heidegebiets. Thiel stellte dem Verband dafür die Findlinge als Dauerleihgabe zur Verfügung. Die ersten bis zu 15 Tonnen schweren und bis zwei Milliarden Jahre alten Riesen aus Granit, Basalt, Gneis und Sandstein trafen hier im Frühjahr 1997 ein. Mit der Zeit entstand der weithin einmalige Park mit rund 180 bearbeiteten Findlingen. Die "Steinspechte", wie die Künstler von den Einheimischen genannt werden, müssen neben Geduld und Ausdauer vor allem viel Erfahrung und ein Gefühl für das Material haben. So verschieden die Strukturen der Findlinge auch sind, so unterschiedlich ist die Art und Weise der Bearbeitung, sagen die Künstler.

Henzendorf ist der einzige Findlingspark in Deutschland, der auf engstem Raum zeigen will, wie sich ganz unterschiedliche Kulturen schon immer beeinflusst haben, sagt Köhler. Hier gibt es einen hethitischen, einen germanischen und einen keltischen Bereich. Thiel und die beiden polnischen Künstler gestalteten die Steine dabei nach dem Vorbild historischer Kunstwerke. Zu sehen sind Kriegerstatuen, Gottheiten, mythische Figuren wie geflügelte Einhörner und Drachen, eine Sonnenfigur aus 365 Steinen sowie geheimnisvolle Malereien mit uralten Schriftzügen. Besondere Anziehungspunkte sind ein aus 60 Findlingen bestehendes "Schiffsgrab" und eine Sonnenuhr mit römischen Zahlen auf den im Kreis ausgelegten Steinen.

Vor gut einem Jahr wurde am Rande des Parks der Startschuss für eine Allee der 2000 Steine gegeben. Die großen Findlinge sollen den drei Kilometer langen Weg vom Heidehof an der Zufahrt zum Findlingspark bis in die Heide säumen. Künstler sollen diese Findlinge gestalten und dabei Ereignisse der letzten 2000 Jahre der Menschheitsgeschichte darstellen. Bisher sind für die Allee rund 300 Steine zusammengekommen, die aus den Tagebauen Nochten und Jänschwalde stammen. Die ersten fünf von ihnen waren 1999 bei einem deutsch-polnischen Künstler-Pleinair bearbeitet worden.

Und noch weitere Dinge sind geplant: So will Thiel ein Steinlabyrinth nach nordischem Vorbild gestalten. Auch ein geologischer Lehrpfad soll entstehen, um die wichtigsten Findlinge darzustellen. Seit dem vergangenen Frühjahr liegt ein Faltblatt vor, das Besuchern die Orientierung im Park erleichtern soll und bei Tourismusinformationsstellen der Umgebung - etwa in Müllrose oder Neuzelle - erhältlich ist.

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