Der Tagesspiegel : Schlechte Zeiten, gute Zeiten

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Potsdam. Manche sind verblüfft: Manfred Stolpe will in den nächsten Monaten Seite an Seite mit Kanzler Gerhard Schröder in Ostdeutschland für dessen Wiederwahl kämpfen. Dabei galten die beiden, auch vom Naturell völlig Gegensätzlichen, bisher nicht gerade als Freunde. „Sie verstehen sich nicht“, wurde kolportiert. Ihr Verhältnis sei gestört, ja eisig, konnte man immer wieder lesen.

Unbestritten ist, dass beide im Sommer 1999 auf dem Deutschen Bauerntag in Cottbus aneinander geraten sind. „Wenn der Ministerpräsident dieses Landes etwas anderes verspricht, dann irrt er“, kanzelte der Kanzler Stolpe ab – vor 3000 wegen der geplanten Kürzungen im Agrarhaushalt aufgebrachten Landwirten. Stolpe wiederum machte damals keinen Hehl daraus, dass er bei Schröder Sensibilität und Verständnis für die Probleme des Ostens vermisse.

Doch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit sind sich die beiden in der letzten Zeit offensichtlich näher gekommen. Es stimme nicht, dass sie sich nicht verstünden, heißt es in Schröders Umfeld. Man müsse allerdings unterscheiden zwischen einem innigen Verhältnis und einem guten Arbeitsverhältnis. Letzteres hätte sich in den letzten zwei Jahren entwickelt. Schröder habe inzwischen hohen Respekt vor Stolpe. Dazu hat auch die Zustimmung Brandenburgs zur Steuerreform im Bundesrat beitragen. „Auf Manfred Stolpe kann man sich verlassen“, habe Schröder im kleinen Kreis damals kommentiert. Seitdem konsultiere er Stolpe oft, höre sogar auf ihn.

Bezeichnend: Schröder hat beim Streit um das Zuwanderungsgesetz, wie aus Stolpes Umgebung bestätigt wird, nie Druck auf Stolpe ausgeübt. Stattdessen habe er einmal gemeint: „Wenn das in eurem Ländchen nichts wird, kriegen wir das auch ohne euch hin.“ Aufschlussreich war auch Schröders Reaktion auf Stolpes Plädoyer für eine große Koalition im Bund, das die Botschaft des Bundesparteitages konterkarierte: Kein Tadel von Schröder, eher Verständnis. Und die Vermutung, Stolpe habe sich wohl von einem cleveren Journalisten aufs Glatteis führen lassen. Der 66-jährige Stolpe selbst bescheinigt Schröder inzwischen, den Osten nicht mehr zu vernachlässigen: „Der Junge hat gelernt.“ Und er verrät sogar, was der Kanzler jetzt am liebsten möchte: Nämlich dass er, Stolpe, jetzt die Rolle übernehme, die Regine Hildebrandt hatte. Er soll die mahnende Stimme sein für Gerechtigkeit und für den Osten. So wird man von Stolpe, der nächste Woche sein Büro in der SPD-Wahlkampfzentrale KAMPA bezieht, noch oft hören. ma

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