Der Tagesspiegel : Schleichende Gefahr

Augenärzte empfehlen Vorsorge-Untersuchung gegen „Grünen Star“

Adelheid Müller-Lissner

Der Gedanke daran, im hohen Alter vielleicht einmal nicht mehr gut sehen zu können, bedrückt viele Jüngere: Wie soll das werden, wenn man nicht mehr Zeitung lesen, sich nicht einmal mehr allein auf die Straße trauen kann? In einigen Fällen ist eine Sehschwäche, die bis zur Blindheit geht, auch heute noch Schicksal. Doch jährlich erblinden in Deutschland 1300 Menschen, weil sie an einer Krankheit leiden, gegen die man eigentlich etwas tun kann. Rechtzeitiges Erkennen vorausgesetzt.

Das Glaukom (von griechisch glaukos, grün leuchtend, nach dem grünlichen Reflex der Linse) ist in den Industrienationen die zweithäufigste Erblindungsursache. Meist wird es durch eine unbemerkt entstehende Erhöhung des Augeninnendrucks ausgelöst, die den Sehnerv schädigt und zur Zerstörung von Nervenfasern führen kann.

Das Glaukom gehört trotzdem zu den unbekannten Gesundheitsgefahren. Eine Emnid-Umfrage bei 1000 Bundesbürgern über 35 Jahre, die der Initiativkreis zur Glaukomfrüherkennung e.V. in Auftrag gegeben hat, ergab kürzlich, dass die Gefahr nur einer Minderheit bewusst ist. Jeder Vierte hatte von der Krankheit noch nie gehört, ein Drittel verwechselte sie mit dem „Grauen Star“. Der populäre Name „Grüner Star“ legt diese Verwechslung nahe. Beide „Stare“ (von: starren) sind typische Altersleiden der Augen. Doch damit hören die Gemeinsamkeiten schon auf: Der „Graue Star“ ist eine Linsentrübung, die heute meist durch Entfernung der Linse und Einpflanzung eines künstlichen Ersatzes behoben wird. Ein Glaukom dagegen bleibt meist jahrelang unbemerkt, denn es hindert nicht am scharfen Sehen und verursacht keine Schmerzen. „Ab 40 sollten sich deshalb vor allem stark Kurzsichtige und Menschen, die ihre familiäre Veranlagung kennen, einer Früherkennungsuntersuchung unterziehen“, empfiehlt Ulrich Dietze, Chefarzt der Augenklinik Marzahn.

Dabei wird zunächst der Augeninnendruck gemessen. Ein gewisser Innendruck ist nötig, damit die Kammern des Auges gut mit Kammerwasser gefüllt bleiben. Diese glasklare Flüssigkeit, die hinter der Iris gebildet und durch ein feines Kanalsystem wieder abtransportiert wird, dient der Ernährung von Linse und Hornhaut. Wird der Druck jedoch zu hoch, dann sind die Zellen des Sehnervs in Gefahr. Und ohne dessen Fasern, die Leitungskabel, können Bilder aus der Außenwelt nicht verarbeitet werden. Es droht Erblindung. Eine Messung des Augeninnendrucks allein genügt aber nicht. Denn er ist kein zuverlässiges Zeichen: Einerseits gibt es durchaus Fälle, in denen der Druck erhöht ist, Sehnerv und Gesichtsfeld aber nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Andererseits ist der Augeninnendruck nicht bei jeder Glaukomerkrankung erhöht. Komplizierte Verhältnisse, denen nur mit der Doppelstrategie Druckmessung plus Untersuchung von Sehnerv und Gesichtsfeld Rechnung getragen werden kann.

In den allermeisten Fällen kann mit Medikamenten der Verlauf gestoppt und der Sehnerv vor weiteren Schäden geschützt werden. In selteneren Fällen, wenn schon Schäden am Sehnerv eingetreten sind oder die drucksenkenden Augentropfen nicht vertragen werden, sind jedoch chirurgische Eingriffe nötig, damit das Kammerwasser abfließen kann. Gerade hat die Europäische Glaukom-Gesellschaft Leitlinien veröffentlicht, die eine einheitliche Behandlungsrichtschnur bieten. Die Früherkennungs-Untersuchung, mit der das Problem erkannt wird, muss allerdings derzeit jeder aus der eigenen Tasche bezahlen, die Augenärzte bieten sie als „Individuelle Gesundheitsleistung“ (IGeL) an.

Website des Initiativkreises zur Glaukomfrüherkennung e.V.: www.glaukom.de

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