Schleuser-Unfall : Die Schrecken der Erinnerung

Vor einem Jahr starben sechs Menschen in einem Schleuserauto. Nguyen Thi Hoa überlebte – aber ihre Zukunft ist weiter ungewiss.

Sandra Dassler

Potsdam - Sie hat ein wenig zugenommen, aber das Stechen im Brustkorb ist immer gegenwärtig. Nachts wacht sie oft auf, wegen der Schmerzen, oder weil sie im Traum den Unfall wieder und wieder erlebt: die rasende Fahrt durch die Nacht, die hektischen Befehle des Fahrers, der die im Auto zusammengepferchten Menschen anbrüllt, der schreckliche Knall, das Splittern der Scheiben, die Schreie.

Das war vor einem Jahr: Am Abend des 1. August 2006 stieg die Vietnamesin Nguyen Thi Hoa (Name geändert) in der Nähe von Königs Wusterhausen in einen BMW 320i. Hinter ihr lagen ein Leben in bitterer Armut mit der täglichen Sorge, ihre beiden minderjährigen Kinder nicht satt zu bekommen. Jetzt hatte sie eine Hoffnung: Menschenhändler hatten ihr Arbeit in Deutschland versprochen und 500 Euro Monatsgehalt – genug, um den in Vietnam zurückgelassenen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Es sei alles ganz legal, war ihr versichert worden.

Dass dies nicht stimmte, merkte die 36- Jährige spätestens an jenem 1. August. Die Bundespolizei hatte den Fahrer des BMW schon länger als Schleuser verdächtigt und observiert. Der Wagen soll sogar mit einem Peilsender versehen gewesen sein. Der Einsatzleiter entschied trotzdem, ihn mit vier Polizeiautos zu verfolgen. Die wilde Fahrt mit Tempo 180 endete nach 15 Minuten an den Bäumen einer märkischen Allee. Zwei Schleuser und vier der sechs Flüchtlinge im Auto starben. Am morgigen Dienstag wollen der Flüchtlingsrat Brandenburg und Stefan Taeubner, der katholische Vietnamesen- Seelsorger im Erzbistum Berlin, am Unfallort der Opfer gedenken. Nach dem Tod der sechs Menschen war Kritik an der Bundespolizei laut geworden. Die Staatsanwaltschaft Potsdam hatte Ermittlungen zur Unfallursache aufgenommen, aber „keinerlei Anzeichen für eine Hetzjagd“ festgestellt. Die Polizeitaktik und die Verhältnismäßigkeit der Mittel aber wurden nie untersucht. Die Rechtsanwältin Undine Weyers bemüht sich bis heute vergeblich um ein Ermittlungsverfahren gegen den Einsatzleiter.

Mit der Gedenkveranstaltung für die toten Vietnamesen, die morgen um 15 Uhr am Ortausgang von Dannenreich in Richtung Kablow stattfindet, wolle man auch an alle anderen Flüchtlinge erinnern, die beim Versuch, Europa zu erreichen, ums Leben kamen, sagt Vera Everhartz vom Flüchtlingsrat Brandenburg. Mindestens zehntausend sollen das nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen in den vergangenen zehn Jahren gewesen sein.

Nguyen Thi Hoa überlebte den schrecklichen Unfall vor einem Jahr schwer verletzt, ebenso wie Cao Tran, ein junger Mann. Monatelang wurde die kleine, schmächtige Frau im Krankenhaus behandelt. Heute muss sie sich noch immer Therapien unterziehen und ist traumatisiert. Weil sie die nötige Behandlung in ihrer Heimat nicht bezahlen könnte, ist eine Rückkehr momentan nicht möglich. Außerdem hatte die junge Frau rund 10 000 US-Dollar an die Menschenhändler bezahlt und dazu einen Kredit aufgenommen. Zwar haben Tagesspiegel-Leser und andere, die das Schicksal der Vietnamesin rührte, mittlerweile ein paar tausend Euro für Nguyen Thi Hoa gespendet. Das Geld liegt auf dem Konto einer deutschen Hilfsorganisation; Nguyens Helfer haben noch keinen Weg gefunden, es sicher nach Vietnam zu transferieren, ohne dass es in falsche Hände fallen könnte.

Nguyen Thi Hoa aber droht die Zwangsabschiebung. „Dass ihr Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm aus humanitären Gründen ein Aufenthaltsrecht einräumt, wäre das Mindeste“, sagt Pfarrer Stefan Taeubner. Nguyen Thi Hoa will morgen zur Unfallstelle kommen. Auch wenn sie nicht weiß, ob sie das verkraftet.

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