Der Tagesspiegel : Schlossaufbau: Potsdams Oberbürgermeister Matthias Platzeck im Interview

Herr Platzeck[ist der heute beginnende Wiederaufb]

Matthias Platzeck, Oberbürgermeister Potsdams und Hoffnungsträger der SPD, wirbt dafür, dass möglichst viele Potsdamer die Rekonstruktion der historischen Mitte der Stadt als Herzensangelegenheit empfinden.

Herr Platzeck, ist der heute beginnende Wiederaufbau des Fortuna-Portals auch das Startzeichen für den Wiederaufbau des Stadtschlosses als Ganzes?

Dass wir das Fortuna-Portal mit Spenden wieder aufbauen, ist ein Zeichen, dass wir es ernst meinen mit einem der ersten Beschlüsse der Stadtverordneten nach der Wende: nämlich der Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss. Und es ist ein Zeichen, dass wir ernst machen mit Potsdams Herz, mit Potsdams Mitte und dem Wiederaufbau des Stadtschlosses.

Das klingt zurückhaltend.

Es gibt noch viele Unwägbarkeiten. Wir werden in Kürze den Auftrag für eine Machbarkeitsstudie vergeben, die auch die Nutzung und die Finanzierung klären helfen soll. Außerdem lassen wir ein Gutachten für die künftige Verkehrslösung an diesem zentralen Ort anfertigen. Wir müssen auch sehr darauf achten, dass möglichst viele Potsdamer die Rekonstruktion der Mitte als ihre Herzenssache ansehen.

Das klingt nach altbekannter Potsdamer Zagheit. Hat sich die Stimmung in Potsdam nicht längst gewandelt?

Es gibt noch viele Vorbehalte. Ziel muss es sein, eine große Mehrheit für den Schlossaufbau zu begeistern.

Haupt-Streitpunkt ist, ob das Schloss in historischer Fassade aufgebaut werden oder ob es einen modernen Baukörper auf dem Schloss-Grundriss geben soll. Sie haben sich nie eindeutig geäußert.

Meine Meinung als gebürtiger Potsdamer ist eindeutig. Das Stadtschloss war der Ausgangspunkt für die gesamte Stadtkomposition. Die Schönheit und Einzigartigkeit des Knobelsdorffschen Schlosses muss erst einmal überboten werden. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass dies modernen Architekten gelingt. Ich denke, dass die historische Gestalt die passendste für Potsdam ist.

Gegner sprechen von Rückwärtsgewandtheit und fordern neue Zeichen, auch Bauminister Hartmut Meyer gehört dazu.

Um moderne Zeichen zu setzen, ist das Schloss nicht der geeignete Bau. Wir haben in Potsdam viele Orte, wo sich zeitgenössische Achitektur entfalten kann.

Die Vorbereitungen für den Schlossaufbau laufen auf vollen Touren: Kann der Grundstein im Wettlauf mit Berlin noch zur Bundesgartenschau 2001 gelegt werden?

Das bezweifle ich. Nach Abschluss der Bundesgartenschau 2001 muss Zeit sein für eine gründliche Diskussion auf Grundlage der dann vorliegenden Studien. Sie wird weit ins Jahr 2002 hineingehen.

Der Grundstein muss aber vor 2004 gelegt werden, wenn man auf Fördergelder der EU nicht verzichten will.

Ja, es ist unser Ziel, den Grundstein vor 2004 zu legen, wenn bis dahin alle Fragen geklärt sind. Wir sollten keine Zeit verstreichen lassen, Potsdams Mitte hat lange genug gewartet. Im Jahr 2004 sind es immerhin anderthalb Jahrzehnte nach der Wende.

Sie haben sich klar für den Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche ausgesprochen. Besteht die Gefahr, dass das symbolträchtige Bauwerk zum Wallfahrtsort von Neonazis und Deutsch-Nationalen wird?

Ich kann die Gefahr nicht ausschließen, weil man den "Tag von Potsdam" nicht wegdiskutieren kann. Die aktuelle Rechtsextremismus-Debatte zeigt, dass wir es noch längere Zeit mit diesem Problem zu tun haben. Deshalb mein klares Petitum: Bau und Nutzung müssen Missdeutung und Missbrauch ausschließen, so durch Einrichtung einer Gedenkstätte für die Männer des 20. Juli 1944.

Weil noch 2,6 Millionen Mark fehlen, hat der Förderverein Sie gebeten, einen Spendenaufruf zu verfassen. Warum kommt er nicht?

Man sollte die Kirche im Dorf lassen. Ich finde das im Moment nicht vordringlich. Wir haben in Potsdam sehr viele historische Projekte, die mit Spenden finanziert werden. Der Kirchbauverein kann mit einem Schreiben von mir weltweit werben.

Es wächst die Kluft zwischen Neu-Potsdamern wie Günther Jauch, die das historische Bild schnell wiederherstellen wollen, und AltPotsdamern, denen andere Dinge wichtiger sind. Fürchten Sie soziale und psychologische Gräben in der Stadt?

Die Wiedergewinnung der Mitte kann helfen, sie zu schließen. Im Übrigen kann die Stadt nach dem Aderlass der Vorjahre, bei dem sie 15 000 Einwohner verlor, froh über die Neubürger sein. Dennoch müssen wir das Problem im Auge behalten und aufpassen, dass es keine Kluft gibt.

Das monströse Potsdam-Center wird weitergebaut, der Jugendstil-Lichthof des alten Kaufhauses zerstört, das Schicksal der Guthmann-Villa ist ungewiss. Hat Potsdam aus den Bausünden der Vergangenheit nichts gelernt?

Um die Guthmann-Villa wird es kein zweites Glienicker Horn geben. Es war allen klar, dass das Potsdam-Center nicht so stehen bleiben kann und weitergebaut werden muss. Die Planungen sind mit der Unesco abgestimmt. Die Verschiebung des Lichthofes ist eine Entscheidung, um die historische Innenstadt zu retten. Natürlich sind es alles Kompromisse - aber Potsdam geht sensibel mit seinem Erbe um.

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