Der Tagesspiegel : Schlussverkauf im Hangar

Der Traum ist aus, endgültig: Im Herbst versteigert Cargolifter sein Inventar – zum Beispiel ein Luftschiff und einen riesigen Ballon

Claus-Dieter Steyer

Brand. Haben Sie Interesse an einem Luftschiff, an einem 250 Meter langen Schneidetisch für Ballonhüllen oder an einer 22 Jahre alten Feuerwehr? Dann wäre die riesige Halle der Cargolifter AG im 60 Kilometer südlich Berlins gelegenen Brand die richtige Adresse. Vom 9. bis zum 11. Oktober wird hier das gesamte Vermögen des einst für den Bau von Luftschiffen gegründeten Unternehmens versteigert. Damit dürfte der Traum von der als revolutionär gefeierten Technologie nach dem Prinzip „Leichter als Luft“ endgültig geplatzt sein. Statt Luftschiffe zu bauen, soll in der größten freitragenden Halle der Welt im Oktober nächsten Jahres eine Tropenlandschaft eröffnen.

Wie aus der Übersicht des Insolvenzverwalters Rolf-Dieter Mönning aus Aachen hervorgeht, sollen die Halle und die Nebengebäude auf dem früheren russischen Militärflughafen nahezu besenrein an die britisch-malaysische Investorengruppe um den Unternehmer Colin Au übergeben. Denn das Vermögen aller 14 Gesellschaften der im Juni 2002 in die Pleite gerutschten Cargolifter AG wird versteigert. Dazu gehören 600 hochwertig eingerichtete Büro-Arbeitsplätze, Einbauküchen, Laboreinrichtungen, eine Vielzahl an Digitalkameras, Personalcomputer, eine meteorologische Mess-Station und ein Rechenzentrum.

Die spektakulärsten Exponate sind zweifellos das Experimental-Luftschiff „Joey“ und der Ballon „High Rise“. Während „Joey“ aber nie flog und nur Simulationsversuchen in einer speziellen Halle diente, erhob sich der Ballon durchaus in die Lüfte. Er ist mit der seit einigen Jahren am Potsdamer Platz in Berlin regelmäßig aufsteigenden Touristenattraktion vergleichbar. Auf der an der Ballonhülle hängenden Plattform befanden sich bei Cargolifter aber keine Menschen, sondern schwere Lasten. Die Ingenieure testeten mit ihm den Bau eines fliegenden Krans, der bis zu 75 Tonnen von einem Ort zum anderen tragen sollte.

Mindestgebote oder Preisvorstellungen sind in der Liste des Insolvenzverwalters bis auf eine Ausnahme nicht zu finden. „Das CNC-gesteuerte Schneidesystem für Ballonhüllen mit einer Gesamtschneidelänge von etwa 250 Metern besitzt einen Gesamtanschaffungswert von 2,562 Millionen Euro“, heißt es da. Insgesamt belaufen sich die Forderungen der Gläubiger an den Insolvenzverwalter auf rund 120 Millionen Euro. Davon entfallen rund 50 Millionen Euro auf die Investitionsbank des Landes Brandenburg. Allein der Bau der acht Fußballfelder großen und 107 Meter hohen Halle kostete 78 Millionen Euro, etwa die Hälfte davon waren Steuermittel Brandenburgs.

Der Verkauf des Kolosses an die Betreiber der Tropenlandschaft im Juli brachte rund 20 Millionen Euro ein. Da jetzt auch alle Patente und die Modelle des Besucherzentrums verkauft werden, ist an eine Fortführung der Luftschiff-Idee in Brand nicht zu denken. „Das Kompetenzzentrum für die Leichter-als-Luft-Technologie ist gescheitert“, räumte Cord Schwartau, Chef der Wirtschaftsförderung im Landkreis, ein. „Vielleicht finden wir für interessierte Ingenieure einen anderen Standort.“ Derzeit bemühten sich nach seiner Kenntnis vier Gruppen aus dem Kreis der ehemals 600 Beschäftigten um eine Weiterarbeit an dem Projekt. Eine davon soll der ehemalige Cargolifter-Chef Carl von Gablenz anführen.

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