Der Tagesspiegel : Schmökel will umfassend aussagen

Nächste Woche will sich der Schwerverbrecher zu Vorwürfen äußern – gestern entschuldigte er sich bei dem Pfleger, den er niederstach

Claus-Dieter Steyer

Neuruppin. Kein Vollbart, keine dunkle Brille, kein alter Pullover mit einer Kapuze zum Verstecken vor den Kameras: Der des Mordes und dreifachen Mordversuches angeklagte Frank Schmökel präsentierte sich gestern im Neuruppiner Gericht völlig anders als beim Prozessauftakt vor einer Woche. Glatt rasiert und mit kürzeren Haaren sowie in heller Lederjacke und Jeans ertrug er diesmal das Blitzlichtgewitter. „Mein Mandant fürchtete am ersten Tag die starke Medienpräsenz“, sagte Verteidiger Karsten Beckmann. „Deshalb wollte er sich irgendwie schützen.“ Er kündigte gleich eine weitere Überraschung an. Schmökel werde sein bisheriges Schweigen brechen und sich am Montag umfassend zu den Vorwürfen äußern.

Schon gestern reagierte der 40-Jährige auf die Zeugenaussage des von ihm im Oktober 2000 lebensgefährlich verletzten Krankenpflegers. „Es stimmt nicht, dass ich seinen Tod wollte“, sagte er mit heiser klingenden Stimme. „Ich habe einfach rot gesehen, und es tut mir leid.“

Zuvor hatten ein Sozialarbeiter und zwei Pfleger die Umstände der Flucht des Angeklagten während eines Hausbesuches bei seiner Mutter in Strausberg geschildert. „Ich spürte einen starken Stoß in den Rücken. Dann hielt mir Schmökel ein völlig blutverschmiertes Messer vor die Augen“, sagte Krankenpfleger Manfred Schäfer. „Er hatte es aus meinem Rücken wieder herausgezogen, um mir jetzt sechsmal eiskalt in die Brust zu stechen.“ Ohne jegliche Regung sei er vorgegangen. Erst als Schmökels Mutter nach dem Arm ihres Sohnes griff, habe sich der Pfleger aufrappeln und einen Couchtisch umwerfen können. Durch den Trubel seien die beiden anderen Begleiter aus dem Strafvollzug, die sich wegen einer Rauchpause vor dem Haus aufhielten, zur Hilfe geeilt. „Mein Blut schoss aus Nase und Mund“, erzählte der 57-jährige Schäfer aus Neuruppin. „Ich rettete mich auf die Wiese vor der Haustür und schrie um Hilfe und sah schon das Ende vor mir.“ Eine Frau aus der Nachbarschaft alarmierte Polizei und Krankenwagen. Schäfer fiel in ein vierwöchiges Koma. Ein Jahr befand er sich in ärztlicher Behandlung. Noch heute leidet der als Nebenkläger im Prozess auftretende Pfleger an körperlichen und nervlichen Problemen. „Schmökel wollte meinen Tod“, sagte Schäfer.

Schmökel griff auch die anderen Begleiter an und nutzte das Durcheinander für eine elftägige Flucht, auf der er einen Rentner erschlug, wie er zugibt. Wie sich gestern herausstellte, waren alle drei Bewacher in Strausberg auf die Gefährlichkeit Schmökels nicht eingestellt. Der 36-jährige Sozialarbeiter war erst drei Wochen auf der Station, der 31-jährige Pfleger hatte noch gar keine Erfahrungen und auch der schließlich lebensgefährlich verletzte Manfred Schäfer erlebte erst seinen dritten begleiteten Hausbesuch. Sie hatten sich alle auf das Urteil von Ärzten und Psychologen verlassen, die Schmökel als „nicht gefährlich“ einstuften. Dabei war der Mann, der wegen der Vergewaltigung einer 12-Jährigen eine lange Haftstrafe im Maßregelvollzug absitzen musste, vorher schon sechsmal in die Freiheit geflüchtet.

Noch steht nicht fest, ob das Urteil wie geplant am 28. November gesprochen werden kann. Denn die Verteidigung will zwei Journalisten sowie den Pressesprecher des Brandenburger Innenministeriums als zusätzliche Zeugen vernehmen lassen. „Wir wollen aufklären, warum die von Herrn Schmökel während seiner Flucht geschriebenen Briefe schon am Tag der Festnahme veröffentlicht wurden“, sagte Anwalt Beckmann. Dadurch seien die Schöffen einseitig beeinflusst worden. Der Leitende Oberstaatsanwalt Hartmus Oeser nannte die Anträge als „bedeutungslos für das Verfahren“.

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