Der Tagesspiegel : Schnäppchenjäger in den Ruinen von Küstrin

Anke Papenbrock

Wo einst das von den Kreuzrittern gebaute Schloss, die Pfarrkirche und sämtliche Schulen der Stadt angesiedelt waren, wächst seit Jahrzehnten Gras über alte Mauerreste. Dort, wo früher die mächtige Bastion Kronprinz stand, verkauft heute ein Händler Großpackungen Limonade an deutsche Schnäppchenjäger. Gleich gegenüber tummeln sich deutsche Ausflügler an einer Tankstelle, in einem Schnellimbiss und auf einem Grenzbasar. Für die noch erhaltenen Bastionen Phillip und Brandenburg oder für das Berliner Tor, das einzige noch erhaltene Stadttor, haben sie keinen Blick. Ihr Interesse gilt vor allem billigem Benzin und gefälschten Markenjeans: Küstrin, einst bedeutender preußischer Militärstandort, ist heute vor allem bei Touristen beliebt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die 150 Kilometer östlich von Berlin gelegene Stadt in eine größere und eine kleinere Hälfte gespalteten. Der größere Teil ist seit einem halben Jahrhundert polnisch und heißt Kostrzyn, das Zentrum hat sich in eine ehemalige Vorstadt des alten Küstrin verlagert. Der auf der anderen Seite der Oder liegende Ortsteil Küstrin-Kietz wurde Deutschland zugeordnet und ist ein Dorf. Gemeinsames haben die beiden Hälften kaum.

Auf dem Weg zum deutsch-polnischen Grenzübergang Küstrin-Kietz erinnert ein wuchtiges rotes Mauerstück an längst vergangene Zeiten. Es verband die Bastionen Phillip und Brandenburg der alten Küstriner Festung, die im 16. und 17. Jahrhundert nach italienischem Vorbild gebaut wurde. Der polnische Verein der Freunde Kostrzyns und der deutsche Verein für die Geschichte Küstrins beschäftigen sich gleichermaßen mit der Festung, beide Vereine führen Touristen durch die Mauerreste. Einer, der sich mit dem ehemals imposanten Bauwerk auskennt, ist Jozef Piatkowski. Seit 14 Jahren erforscht der pensionierte polnische Soldat die Geschichte der Festung. Als Vorsitzender des Vereins der Freunde Kostrzyns schildet er Touristengruppen die Historie der verschwundenen Altstadt.

Kommunalpolitiker der 17 000-Einwohner-Stadt wollen den derzeitigen Zustand der Altstadt ändern, das vier Hektar große Terrain beleben. Doch über das künftige Gesicht der Innenstadt sind sie sich uneinig. "Es gibt zwei Optionen", sagt der Pressesprecher der Stadtverwaltung, Ryszard Skalba. "Eine ist die Wiederbelebung der Altstadt." Dann würden Schloss und Pfarrkirche wieder aufgebaut. Bei der anderen Variante soll aus der Ruinenlandschaft ein Freiluftmuseum entstehen. Mit der zweiten Variante könnten sich auch die Küstrin-Kietzer anfreunden. "Der Wiederaufbau wird etwas Künstliches", meint Martin Rogge, Vorsitzender des örtlichen Geschichtsvereins. "Das ist dann wie Disneyland." Ein Mitspracherecht haben die rund 1000 Einwohner des Dorfes nicht. Kontakte zu den polnischen Nachbarn sind ohnehin eher die Ausnahme. "Wir sind ja nicht einmal Partnergemeinden", berichtet der Bürgermeister der Gemeinde Küstriner Vorland, Bernd Korb. Das deutsche Interesse an Polen und den Nachbarn in Kostrzyn sei nicht besonders groß.

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