Schönbohm -Interview : "Wer in DDR-Haft litt, will reden – auch heute"

20 Jahre nach dem Mauerfall drängt Innenminister Jörg Schönbohm auf einen Stasi-Landesbeauftragten in Brandenburg. Er erklärt im Interview, warum es sinnvoll ist, auch so spät noch das Amt zu schaffen.

Schönbohm
20 Jahre nach dem Mauerfall drängt Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm auf einen Stasi-Landesbeauftragten. -Foto: dpa

Herr Schönbohm, bekommt die Mark doch noch einen Stasi-Landesbeauftragten?



Ich bin zuversichtlich, dass es auch in Brandenburg als letztem ostdeutschen Bundesland einen Stasi-Landesbeauftragen geben wird – spät, aber nicht zu spät. Ministerpräsident Matthias Platzeck hat dies in Potsdam bei der Eröffnung der Ausstellung über die Methoden der Staatssicherheit „Feind ist, wer anders denkt“ im Beisein der Bundesbeauftragten Marianne Birthler in Aussicht gestellt. Ich begrüße diese Zusage ausdrücklich.

Die Staatskanzlei hat danach mitgeteilt, dass nach einer geeigneten Lösung gesucht wird. Wie ist der aktuelle Stand?

Das wird gerade im Parlament erörtert. Die CDU-Landtagsfraktion hat Mitte Januar einen Entwurf für einen gemeinsamen Antrag der Koalition verabschiedet, der jetzt in der SPD-Fraktion bewertet wird. Nach der Zusage des Ministerpräsidenten gehe ich davon aus, dass die SPD diesem Antrag zustimmen kann. Den parlamentarischen Willen werde ich dann als Innenminister umsetzen.

Mittlerweile hat SPD-Landtagsfraktionschef Günter Baaske aber erklärt, dass es statt eines Landesbeauftragten eine gemeinsame Lösung mit Berlin geben soll, was der bisherige Status Quo wäre.

Diese Aussagen haben mich überrascht. Der Ministerpräsident ist sein Parteivorsitzender. Das Gezerre ist wahrscheinlich der Grund, warum der Antrag zurzeit in der SPD schmort. Es sollte in einer Regierungskoalition nach einer Zusage des Ministerpräsidenten in einer solchen Frage aber keinen Streit geben. Es sei denn, dass die SPD inzwischen festgestellt hat, dass die Einrichtung eines Stasi-Beauftragten ein Bündnis mit der Linkspartei erschweren würde. Es wäre ein Fingerzeig für Rot-Rot.

Warum gibt es in Brandenburg keinen solchen Ansprechpartner für SED-Opfer?


Brandenburg hat als einziges Land von dieser Möglichkeit der Bundesbehörde keinen Gebrauch gemacht. Die frühere Landesregierung noch unter Manfred Stolpe hatte sich in den 90er Jahren für einen anderen Weg entschieden.

Die Union regiert seit zehn Jahren mit.

Die CDU hat bei den Koalitionsverhandlungen 1999 die Problematik auch angesprochen. Aber es war von vornherein klar, dass wir damit nicht durchkommen werden. Für uns hatten andere Fragen, wie das Ende der Schuldenpolitik, die Misere an den Schulen, der Streit um Religionsunterricht, Vorrang. Deshalb haben wir damals die pragmatische Lösung gefunden, dass der Berliner Landesbeauftragte auch in Brandenburg seine Beratungen durchführt.

Ist es 20 Jahre nach dem Mauerfall überhaupt noch sinnvoll, einen eigenen Stasi-Landesbeauftragten zu schaffen?


Diese Frage hat mich auch beschäftigt. Ich weiß aber aus einer Vielzahl von persönlichen Gesprächen, aus den Berichten von Herrn Gutzeit und aus der Rehabilitierungsbehörde: Es gibt viele Menschen, die in der DDR gelitten haben, die im Gefängnis saßen, denen die Stasi Leid angetan hat, und die Beratungs- und Besprechungsbedarf haben. Ganz klar, der Bedarf ist immer noch da. Und er kann mit Unterstützung des Berliner Beauftragten nur teilweise abgedeckt werden. Es geht um Menschen, die vor 1989 in ihrer Lebensplanung zurückgeworfen wurden, die sich in ihrer Persönlichkeit nicht frei entfalten konnten, die innere Verletzungen mit sich tragen. Dass da vieles nicht verarbeitet ist, dass auch frühere Täter wieder dreister werden, merken wir auch in der Rehabilitierungsbehörde.

Frühere Stasi-IM haben versucht, SED-Opferrenten zu erschleichen?

Ja, es gibt solche skandalösen Fälle. Bisweilen müssen früher erteilte Anerkennungsbescheide für politisch Verfolgte nach dem beruflichen Rehabilitierungsgesetz zurückgenommen werden. Der Grund ist, dass jetzt bei der Prüfung der SED-Opferrente festgestellt wird, dass die Antragssteller früher wahrheitswidrig ihre Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit verschwiegen haben.

Haben Sie keine Sorge, dass Platzeck beim Stasi-Landesbeauftragten einknickt?


Ich habe keinen Anlass zu zweifeln, dass der Ministerpräsident zu seinem Wort steht. Erst recht, weil ein Brandenburger Stasi-Beauftragter gerade im 20. Jahr des Mauerfalls ein Beitrag zum inneren Frieden im Land wäre.

Das Gespräch führte Thorsten Metzner


ZUR PERSON
Jörg Schönbohm, 71,
ist seit 1999 Innenminister in Brandenburg. Geboren in Neu Golm, machte er Karriere bei der Bundeswehr und arbeitete später für die Regierung in Bonn und Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar