Der Tagesspiegel : Schöner Schein

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ClausDieter Steyer über das Trugbild der Brandenburger Landpartie

ANGEMARKT

So schlecht kann es den Brandenburger Bauern nicht gehen. Sie klagen über Dürre, die Folgen des Frostes im April, schimpfen über Preisverfall und malen gern das Schreckgespenst vom Ende ihres Berufsstandes an die Wand. Doch am vergangenen Wochenende schienen alle Sorgen und Nöte vergessen zu sein. Zur neunten Auflage der Landpartie kamen allein am Samstag 70 000 Besucher auf die Höfe und in fast 200 Dörfern herrschte Hochstimmung. Das lag vor allem am eigenwilligen Programm, von Proberunden auf Treckern, Mähdreschern , einer Parade in Kittelschürzen bis hin zu Milchkannenweitwurf oder Kostproben von 16 Sorten Ziegenkäse. Gut gelaunt trafen sich Hausherren und Gäste an Kaffeetafeln oder am Grill.

Doch wer genau hinsah und mit den Bauern in einer ruhigen Minute sprach, merkte, wie viele sich selbst Mut zu sprachen. Sie haben für einen Tag die weit verbreitete Ungewissheit über die Zukunft weggeblasen. Gerade die Großstädter als wichtigste Kunden der Bauern sollten nicht verprellt werden. Am liebsten wäre es ihnen, wenn die Besucher die einmal im Jahr organisierte Landpartie alle paar Wochen wiederholen würden, entweder gleich vor Ort, auf dem Markt oder vor dem Regal im Supermarkt. In Qualität und Frische sind die Brandenburger Produkte tatsächlich kaum zu übertreffen.

Nicht nur die Gespräche auf den Höfen führten während der Landpartie zu manch neuen Erkenntnissen. Auf der Fahrt oder beim Spaziergang durch zahlreiche Dörfer fielen dramatische Veränderungen ins Auge. Nach Konsum, Kinderkrippe und Schule sind nun auch Kneipen und viele Höfe geschlossen, meist für immer. Ohne Aussicht auf einen Job ziehen viele junge Menschen weg und zurück bleiben die Alten. Je weiter weg sich die Orte von Berlin befanden, desto schlimmer erschien das Bild. Wenn nichts passiert, kräht irgendwann auf diesen Dörfern kein Hahn mehr – da kann selbst die fröhlichste Landpartie nichts ausrichten.

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