Der Tagesspiegel : Schröders Sommerreise: Der Gute Onkel von Ratzdorf

Claus-Dieter Steyer

Der Osten muss für das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung noch immer ein rotes Tuch sein. Anders ist der geographische Tiefflug in der Ankündigung des gestrigen Besuches von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Ostbrandenburg nicht zu erklären. Denn vom "Oderbruch" war dort die Rede, obwohl sich Schröder rund 70 Kilometer südlicher zwischen Eisenhüttenstadt und Guben aufhielt. Dort fließt zwar auch die Oder, aber das auf Befehl Friedrich II. trockengelegte Bruch ist eigentlich nicht zu verwechseln. Dabei kam es gerade gestern auf exakte Ortskenntnisse an. Schröder besichtigte den Ort eines geplanten neuen Grenzüberganges nach Polen. Die Straße soll zwischen Frankfurt und Eisenhüttenstadt durch die vor vier Jahren beim Oderhochwasser überschwemmte Ziltendorfer Niederung führen. Erstmals gibt es hier ein gemeinsames Planungsverfahren mit der polnischen Seite, was nach Ansicht von Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) "mindestens zwei bis drei Jahre spart". Neben diesem neuen Übergang werden weitere Oderbrücken nördlich von Schwedt und südlich von Hohenwutzen sowie über die Neiße bei Forst von Deutschland und Polen favorisiert. "Bis zum erwarteten EU-Beitritt Polens 2004 reichen die bisherigen Straßenverbindungen aus", meinte Brandenburgs Verkehrsminister Hartmut Meyer (SPD). "Wir haben da noch viel zu tun und hoffen beim Straßenbau auf weitere Bundeshilfen", sagte er mit einem Seitenblick auf Schröder.

Der Kanzler zeigte sich gestern nur in Ratzdorf am Zusammenfluss zwischen Oder und Neiße spendabel. "Als guter Onkel schenke ich euch zehn Fahrräder", meinte er zu den Jugendlichen im vor sechs Monaten eröffneten Europäischen Begegnungszentrum. Reibungslos verlief der Abstecher nach Guben. Dort legte Schröder am Gedenkstein für Omar Ben Noui eine Schweigeminute ein.

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