Der Tagesspiegel : Schülerstreik: Den Kindern das Kommando

Claus-Dieter Steyer

Ohne Rucksack- und Taschenkontrolle kommt niemand aufs Gelände der Gesamtschule von Storkow. Außerdem müssen sich alle Schüler am Eingang an- und abmelden. Um fremde Personen später zu erkennen, erhält jeder Kontrollierte einen Stempel auf den Arm. Aus dem Lautsprecher dröhnt Musik, die durch Ansagen unterbrochen wird. Nebenan steht eine lange Schlange vor einer Gulaschkanone. Journalisten werden von Pressesprechern mit allen Informationen versorgt. Der am Montag begonnene Schulstreik ist perfekt organisiert. 450 der 600 Schüler haben sich in die Streiklisten eingeschrieben und einen entsprechenden Entschuldigungszettel ihrer Eltern vorgelegt. In einem für Brandenburg einzigartigen Fall haben Jugendliche und Kinder getreu dem Motto in Grönemeyers Song "das Kommando übernommen".

Auslöser war eine Rechenaufgabe in der ersten Stunde des neuen Schuljahres. 40 Schüler der 11. Klasse hätten im Zimmer sitzen müssen, um diesen Jahrgang an der Gesamtschule halten zu können. Schulrätin Regina Schenk zählte und zählte und kam nur auf 39 Köpfe. Nach einer halben Stunde verkündete sie, dass es in diesem Jahr deshalb keine elfte Klasse geben würde. Die angehenden Abiturienten erhielten Adressen von Schulen in Fürstenwalde und Beeskow. Das fehlende Mädchen kam erst nach zwei Stunden zur Schule, sie hatte ein Vorstellungsgespräch. Doch die Schulrätin ließ sich nicht umstimmen. Schon die Zahl von 40 Schülern sei eine Ausnahmeregelung gewesen, sagt sie. Eigentlich wären laut Bildungsgesetz mindestens 50 Schüler für die Eröffnung einer Klassenstufe vorgeschrieben. "Eine Ausnahme von der Ausnahmeregelung ist nicht möglich", erklärte die Beamtin.

Damit löste sie nicht nur einen unerwarteten Solidaritätsstreik für die betroffene Klasse an der Schule, sondern einen Proteststurm in ganz Storkow mit seinen 6500 Einwohnern aus. Längst geht es dabei nicht mehr um die Zahlen 39 oder 40. "Der ganzen Bürokratie und Verbohrtheit im Potsdamer Ministerium wollen wir einen Denkzettel erteilen", formuliert der Schüler-Pressesprecher. Demonstrativ hielten die Abgeordneten der Stadt eine Sondersitzung auf dem Schulhof ab und bewilligten 1000 Mark als Sofortspende. "Das ganze Image von Storkow ist in Gefahr", sagt der SPD-Abgeordnete Detlev Nutsch. "Wer zieht denn noch her oder siedelt sich als Investor an, wenn die Kinder am Ort kein Abitur machen können?" So wie er unterstützen viele Erwachsene den Schülerstreik. Sie bringen Lebensmittel vorbei und spenden Geld, Bäcker laden frische Brötchen und Kuchen ab, die Feuerwehr beleuchtet abends den Schulhof und läuft Streife, ein Tontechniker stellt Lautsprecher zur Verfügung. Nachts schlafen Kinder und Eltern in der Sporthalle.

Das Bildungsministerium beharrt auf seiner Forderung von mindestens 40 Schülern. Bis Freitag hätten die Storkower Zeit, diese Zahl von Anmeldungen nachzuweisen. Doch die Chancen dafür stehen schlecht. Einige Storkower Schüler haben sich bereits andernorts angemeldet.

Bei den Streikenden stand gestern ein besonderes Demokratie-Thema auf dem Stundenplan. Ältere Einwohner erzählten von den Geschehnissen im Sommer 1956 in der Stadt. Damals protestierten die 20 Schüler der 12. Klasse gegen die blutige Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn. Das Volksbildungsministerium löste die Klasse daraufhin auf. Fast 40 Jahre lang konnte seitdem niemand in Storkow das Abitur ablegen.

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