Der Tagesspiegel : Schwanengesang im Odertal

In Brandenburgs Nationalpark gehen die Mitarbeiter der Naturwacht jetzt doppelt so oft auf Patrouille

Sandra Dassler

Criewen - Der weiße Gegenstand treibt reglos im Wasser, etwas abseits der Entenansammlung. Ralf Thiele hebt das Fernglas an die Augen und lässt es wenig später wieder sinken. „Nur eine kleine Eisscholle“, sagt er erleichtert.

Ralf Thiele trägt einen grünen Parka, der ihn als Mitarbeiter der Naturwacht im Nationalpark Unteres Odertal ausweist. Seit auf Rügen mit H5N1 infizierte Schwäne gefunden wurden, schauen er und seine neun Kollegen noch genauer als sonst auf die Zugvögel, die sich in diesen Tagen zu Tausenden an den offenen Wasserstellen im Nationalpark sammeln. Hat sich ein Tier abgesondert? Kreisen irgendwo aasfressende Kolkraben?

Auch wenn sie bisher nichts entdeckt haben – die Ranger wissen, dass es unwahrscheinlich wäre, wenn im einzigen Flussauen-Nationalpark Deutschlands nicht irgendwann ein infiziertes Tier auftauchen würde. Das Odertal gehört zu den größten Rast- und Durchzugsgebieten im Binnenland. Bis zu 150 000 Vögel halten sich im Frühjahr und Herbst hier auf. Momentan sind es vor allem Gänse, Enten und Schwäne, die vom Niederrhein kommen und zu ihren Brutplätzen nach Skandinavien zurückfliegen. Ende Februar treffen die Kraniche ein, im März die Störche.

Die Mitarbeiter im Nationalpark sind auf den Fall der Fälle vorbereitet. Sie haben die Kontrollgänge und -fahrten durch das mehr als 10 000 Hektar große Gebiet verdoppelt, Absperrbänder, Atemschutzmasken und Handschuhe geordert. Auch Schutzanzüge – obwohl sie es albern finden, dass im 110 Kilometer entfernten Berlin Feuerwehrleute in Vollschutz-Anzügen verendete Kanarienvögel entsorgen. Oder der S-Bahnverkehr wegen eines toten Schwans eingestellt wird. Das trage nur zur Panik unter der Bevölkerung bei, meint Ralf Thiele: „Handschuhe und eine Atemschutzmaske reichen völlig aus, um infizierte tote Tiere zu bergen.“

Andererseits haben die Mitarbeiter der Naturwacht durchaus Verständnis dafür, dass Menschen aus Angst oder Unkenntnis manchmal irrational reagieren. In den vergangenen Tagen haben auch bei ihnen viele verunsicherte Bürger angerufen. Sie wollten wissen, ob sie ihre Hunde nun einsperren müssten und ob man den Nationalpark überhaupt noch betreten dürfe.

Das ältere Ehepaar, das sich auf einer Bank am Oderteich niedergelassen hat, zeigt sich von solchen Ängsten unbeeindruckt. Versonnen betrachten beide die Szene, die sich vor ihnen abspielt: Vier stolze Gänsesäger–Männchen mit metallisch grün schimmernden Köpfen, strahlend weißen Bauchfedern und leuchtend roten Schnäbeln balzen unermüdlich um ein Weibchen. Eigentlich ist es noch viel zu früh für die tierische Liebeserklärung. Aber die kraftvolle Februarsonne am blauen Winterhimmel bringt nicht nur das Eis auf der Oder zum Schmelzen.

„Wir kommen oft hierher“, sagt der Mann auf der Bank: „In diesen Tagen vor allem wegen der Singschwäne. Dort hinten sind ganz viele. Hören Sie sie?“ Tatsächlich klingen von rechts vergleichsweise melodische Töne, die sich wohltuend vom Geschnatter der Enten und Geschrei der Gänse abheben.

Eigentlich sollten heute und morgen hier im Nationalpark Unteres Odertal die ersten Singschwantage stattfinden. Am Montag wurden sie abgesagt. Die Wirtin in der Criewener Gaststätte „Zur Linde“ hofft, dass trotzdem noch ein paar Besucher kommen. Busgesellschaften hätten ebenso storniert wie einige Gäste der Pension „Storchennest“. Aber sie hat Verständnis für die Absagen. Auch das Ehepaar auf der Bank am Oderteich meint: „Man muss ja damit rechnen, dass hier auch an der Vogelgrippe verendete Tiere gefunden werden.“ Dann rätseln die beiden, wie man diese Vögel wohl bergen würde. Das Eis in der Flussaue trägt Menschen nicht mehr, ein Boot käme aber auch nicht durch.

„Sollten wir tatsächlich tote Tiere einsammeln müssen, würden wir ein Schlauchboot benutzen, das auch auf dem Eis vorwärts kommt“, sagt Dirk Treichel, der Leiter des Nationalparks. Der 37-Jährige hatte im letzten Jahr die Idee, Vogelliebhaber zu Singschwantagen einzuladen. Schweren Herzens hat er sich davon verabschiedet. „Es wäre schon makaber, wenn wir uns hier am Gesang der Schwäne freuen, während auf Rügen Katastrophenalarm gilt und viele Menschen Sorgen um die Zukunft haben.“

Treichel hat von den im Seuchenfall zuständigen Veterinärämtern der Kreise Uckermark und Barnim die Erlaubnis erhalten, dass seine Mitarbeiter tote Tiere selbst bergen dürfen. Fast alle – auch die Frauen in der Verwaltung – haben sich freiwillig dazu bereit erklärt. „Solange das Virus nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, besteht keine Gefahr“, sagt Ingo Kapuhs, ein Kollege von Thiele. „Da infiziert man sich schneller mit dem Fuchsbandwurm. Das kann auch tödlich sein.“

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