Schweiz : Bis zu höchsten Graden

Sechs Tage dauert die Bergtour durchs Heidiland. Schön ist die Wanderung, aber anspruchsvoll. Dabei muss man das Gepäck nicht mal selbst schleppen.

Hella Kaiser
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Der Erdisgulmen ist kein Berg. Er ist ein Albtraum. Zum Greifen nah erscheint der knapp 2300 Meter hohe Gipfel, doch je näher man heranstapft, umso steiler erhebt er sich. In Schlangenlinien führt der Pfad hinauf durchs karstige Gelände. Der Wind pfeift um die Ohren. Eine Böe weht dem Begleiter das Käppi vom Kopf, es segelt in die Tiefe. Immer wieder ducken wir uns in die Hocke und schaffen jeweils nur wenige Meter, sobald der Wind Puste holt. So eine Hochgebirgswanderung ist kein Spaziergang. „Ein steiler und exponierter Aufstieg“, steht in der Tourbeschreibung und kündigt noch „ein kurzes Stück Gratweg“ an. Handtuchschmal liegt er vor uns. „Für Leute mit Höhenangst ein etwas schwieriges Stück“, heißt es. Im Klartext: Rechts und links lauert schwindelerregender Abgrund. Augen auf – und weiter. Da sind sie, die versprochenen herrlichen Aussichten. „Der Blick folgt auf der rechten Seite dem Grat von Magerrain über Wissmeilen bis zum markanten Spitzmeilen.“ Aha. Mit wackligen Knien stehen wir da und schauen. Imposant, keine Frage. Aber erst mal verschnaufen ...

Wir sind auf der dritten Tagesetappe der Heidiland-Wandertour. Dabei befinden wir uns gar nicht in Graubünden, wo Johanna Spyri ihre „Heidi“ erfunden hat. „Unsere Gegend grenzt aber daran“, sagt Patrick Müller. Genau genommen arbeitet er für die Region Sarganserland-Walensee, aber wie sollte man so einen sperrigen Namen vermarkten? Also wurde die rund 90 Kilometer östlich von Zürich gelegene Gegend umgetauft in Heidiland. „Darunter können sich auch unsere internationalen Gäste etwas vorstellen“, sagt Müller zufrieden. Und damit sie die Schönheit zu Fuß entdecken können, hat er die Heidiland-Wandertour ausgetüftelt. Bequem zu schaffen, glaubt man, denn das Gepäck der Gäste wird von Unterkunft zu Unterkunft transportiert.

So laufen wir am ersten Tag unbeschwert in Weesen los. Ein Tagesrucksack wiegt ja nicht viel. Am beschaulichen Walensee wandern wir entlang, erst auf einer schmalen, von mehreren Tunneln überwölbten Straße, dann durch Rebberge zum Weindörfchen Quinten. Nur zu Fuß oder mit dem Schiff gelangt man dorthin, Autos gibt es nicht. Wer hier lebt, muss sich nicht nach dem milden Süden Europas sehnen. Er wohnt ja mittendrin.

In Quinten gedeihen Orangen, Zitronen, Kiwis. Im gemütlichen Terrassenrestaurant sitzen wir unter einem Feigenbaum und schauen irritiert auf unsere Wanderstiefel. Bis hierher hätten es auch Sandalen getan. Ein Schiff nimmt uns mit auf die andere Seite des Walensees nach Murg, und von hier sind es nicht mal mehr 50 Minuten bis zum Quartier in Filzbach.

Am nächsten Morgen geht’s hoch auf 1280 Meter – mit der Seilbahn. Die für diesen Tourtag ausgewiesenen gut tausend Höhenmeter immerhin müssen wir nun selbst schaffen. Erst mal steigt der Wanderweg nur sanft an und führt dann hinunter zum Talsee. Eine Rast im dortigen Gasthaus kommt uns unverdient vor. Aber wäre es nicht eine Sünde, hier nicht einzukehren? Die Apfelschorle unterm Sonnenschirm schmeckt vorzüglich. Diese Wandertour ist ja ein Kinderspiel, denken wir vergnügt. Doch dann zeigt Heidiland , dass es auch andere Seiten hat. Hoch und immer höher geht es, tief unten blinkt noch der Talsee, bis er – hinter der nächsten Biegung – ganz verschwunden ist. Durch ein Karstfeld führt der Pfad hinauf zum Mürtschenfurggel. Stolz stehen wir auf den erreichten 1800 Metern – und haben doch erst die Hälfte der Tagesetappe geschafft. Puh. Noch zweieinhalb Stunden bis zur Berghütte Murgsee.

Der Rucksack drückt, denn diesmal hat er mehr Gewicht. Das Nötigste für die Nacht und den kommenden Tag ist darin, denn zu dieser Berghütte kommt kein Auto und keine Seilbahn. Unser Hauptgepäck wurde von der zweiten Station gleich zur vierten weiterbefördert.

Still liegt die Hütte am See, nur wenige Gäste sitzen auf der Terrasse davor. Zum Glück. Denn hier schläft man im „Massenlager“. Fünf, sechs Schlafplätze sind jeweils mit Vorhängen unterteilt. 60 Übernachtungsmöglichkeiten stehen zur Verfügung. Da heute nur zwölf Menschen über Nacht bleiben, kann man sich in gehöriger Entfernung voneinander zur Ruhe betten. Kein Gedränge in den Waschräumen, Duschen gibt es hier nicht. Zwei Abendessen stehen zur Auswahl: Forelle aus dem angrenzenden Murgsee oder Gemspfeffer mit Spätzli und Rotkraut. Die Preise mit jeweils 29,50 Franken sind deftig, auch Getränke sind teuer. Aber alles, bis auf Gemse und Fisch, muss schließlich mit dem Hubschrauber transportiert werden. Ein netter Ort, wenn nur die Wirtin ein bisschen freundlicher wäre. Aber was macht das schon, wenn man am späten Abend noch mal nach draußen tritt. Über der schweigenden Bergwelt leuchten tausende Sterne.

Anderntags, mit dem Erdisgulmen in den Beinen, freuen wir uns auf ein weiches Bett. Mit freundlichem Lächeln öffnet uns Doris Kurath im Hotel Madils die Tür. „Wir haben schon auf Sie gewartet“, sagt sie und bietet sogleich ein Fußbad an. Sehen wir so fertig aus? „Nein, nein“, sagt sie, „aber die Tour heute ist doch recht streng gewesen, oder?“ Die meisten Gäste der Heidiland-Wandertour kämen ein wenig erschöpft bei ihr am Flumserberg an. Der eine oder andere habe auch schon über Blasen geklagt, aber da hätte sie ein gutes Mittel: Breitwegerich. „Ein wunderbares Heilkraut, das bei uns ja überall wächst“, sagt sie. Das lege sie dann auf und am nächsten Morgen könnten die Wanderer oft schmerzfrei weiterlaufen.

Flumserberg ist ein beliebtes Skigebiet in der Schweiz. Ein schöner Ort ist es nicht, mit seinen zahlreichen, jetzt im Sommer verriegelten Ferienappartements. Aber man kann darüber hinwegschauen und dann die sieben Spitzen der Bergkette Churfirsten bewundern. Unten schimmert der Walensee. Ach ja, Quinten. Vor drei Tagen erst waren wir dort, nun scheint eine Ewigkeit dazwischen zu liegen. „Eine der schönsten Etappen liegt heute vor Ihnen“, sagt Doris’ Ehemann René. Er kennt den Weg bestens, denn er hat ihn beschildert. Fünfeinhalb Stunden sind ausgewiesen, aber woher weiß er das so genau? „Man errechnet aus Distanz, Steigung und Senkung die durchschnittliche Zeit eines Läufers“, sagt er. Großstädter gehen doch langsamer als Bergmenschen, wenden wir ein. „Ungefähr passt es immer“, sagt René Kurath.

Noch sitzen wir – ein wenig trübsinnig – beim Frühstück. Vorhin war der Himmel grau, nun regnet es bereits. „Kann man denn bei Regen wandern, Herr Kurath?“, fragen wir besorgt. Der schaut verdutzt. „Ach“, sagt er dann, „es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.“ Seufzend streifen wir die Regenjacken über, Ausreden gelten nicht. Eine knappe Stunde später, an einem Weiher, blinzeln wieder Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Doch der August tut heute so, als wäre er April. Das Wetter wechselt im Halbstundentakt. So, als wolle es sich der Landschaft anpassen, die sich beständig wandelt. Nach dem Wäldchen die Wiesen, dann felsiges Gelände. Ein knapp zwei Stunden dauernder steiler Aufstieg muss genommen werden. Steil? Stufen sollten sie einbauen, so streng geht’s bergan. Aber die Aussichten! Nebelschwaden steigen hoch, legen Felsnasen, Wiesen und Bäume frei und hüllen sie Sekunden später wieder ein. Meisterhaft führt die Natur Regie in diesem Schauspiel. Schnaufend erreichen wir die Alp Sässli, wo ein paar Kühe vor sich hinglöckeln. Der Hirte kommt aus seiner Hütte und ruft: „Wollts was trinken?“ Lieber nicht, weiter, bevor es wieder regnet. „Wenn Nebel da ist, regnet’s nicht“, klärt er auf.

Der Höhenweg im Wald führt durch ein Märchenland. Hockt da nicht eine Elfe im Gebüsch, und hat sich dort hinter der Tanne nicht ein norwegischer Troll gezeigt? Heidi hätte sich hier gewiss verirrt. Wir wissen, wo’s langgeht. An jeder Wegkreuzung finden wir den Hinweis zum Ziel: „Schönhalden“.

Das gleichnamige Berghotel hat Patina. Seit 1909 steht es hier, als Alpen-Kurhaus Schönhalden gebaut. Ein altes Werbeplakat versprach den Gästen eine „große Auswahl in Wald- und Wiesenpromenaden und Bergtouren“. Unsere soll anderntags ins Weißtannental führen. Nur gut drei Stunden soll sie dauern, ein Ausruhtag vor der Königsetappe mit 1700 Höhenmetern. Mit dem Ausruhen wird es nichts. Der Schönhalden-Wirt hat uns eine Abkürzung verraten. Nicht den Tourhinweisen sollen wir folgen, sondern „gleich rechts hinter dem Hotel abzweigen“, da hätten wir schönere Aussichten. Na ja. Kurze Zeit später versinken wir knöcheltief in einer matschigen Kuhwiese und landen an Wegweisern, die ins Nichts führen, weil Bauern offenbar ihre Weiden neu abgesteckt haben. In Schlendi können wir uns im Dorfladen Bachhüsli mit Schokolade trösten. Der Besitzer macht Pause, hält sein Geschäft aber trotzdem geöffnet. Das Geld für die Waren, so steht es auf einem Schild, möge man bitte in die „Kasse des Vertrauens“ legen.

Beim Abendessen im Hotel Gemse studieren wir noch mal den Ablauf der kommenden Tagesetappe. „Eine anspruchsvolle Bergwanderung, bei der gute Kondition und Trittsicherheit nötig sind“, steht uns bevor. Wer den Erdisgulmen bewältigt hat, dem muss vor nichts bange sein, denken wir übermütig. Und sehen uns schon stehen auf dem bald 2600 Meter hohen Lavtinasattel und die versprochene Aussicht auf den Pizolgletscher genießen. Morgens sind wir verzagter. Graue Wolken jagen über die Berge, zu denen wir hinaufwollen. Sollen wir starten? Die Wirtin wiegt den Kopf und sagt: „Tja, ich weiß nicht.“ Doch ihr Mann brummelt: „Klar könntst gehen.“ Also los. Der Weg zieht sich zunächst gemächlich dahin, doch je höher wir hinaufkommen, umso stärker bläst der Wind. Es regnet. Kurz vor dem eigentlichen Aufstieg passieren wir eine Hütte. „Wo wolltst ihr denn hin?“, fragt der Hirte. „Dort hinauf“, rufen wir. „Nicht gut heute“, sagt er knapp. „Wenn’s hier schon so arg windet, ist oben Sturm.“ Es könne sogar schneien am Gipfel. Der Begleiter will trotzdem weiter. Ich nicht. Wir streiten – und kehren schließlich um. Zweieinhalb Stunden Aufstieg für die Katz, der Rückweg macht keinen Spaß. Stunden später landen wir im Hotel Furt, mit der Seilbahn von unten kommend, statt majestätisch von oben herabschreitend wie geplant.

Der Begleiter grummelt noch immer was von „Warmduscherin“, dann ist er still. Vom Hotel aus sehen wir, wie der Berg sich weiß gefärbt hat. Hotelchef Artho Meli lobt unsere Vernunft. „Selbst bei gutem Wetter kommen die Leute nach dieser Etappe zünftig geschafft hier an“, sagt er und schiebt nach: „Aber bei diesem Wetter wäre die Tour blanker Unsinn.“ Er tröstet. „Morgen soll es besser werden, dann können Sie hier noch die Fünf-Seen-Wanderung rund um den Pizol machen. Eine der schönsten Wanderungen in der Schweiz.“ Leicht ist auch die nicht. Fünf Stunden gehe es immer rauf und runter. Viele überfordern sich da, sagt Meli, und manche hätten auch das falsche Schuhwerk. „Wir warnen sie dann, aber die Leute wissen es ja immer besser“, seufzt er. „Die unterscheiden nicht zwischen Spazierweg und Wanderweg und wissen nichts vom Hochgebirge. Die Unbelehrbaren sind dann jene, die der Hubschrauber holen muss“, sagt Meli.

Vernünftige wie wir sitzen jetzt beim Abendessen und lassen sich von exquisiter Küche verwöhnen. Meli kredenzt zum Erbsenschaumsüppchen einen Blauburgunder aus der Schweiz.

Die leichte, fast nur abschüssige Schlussetappe führt uns zum „Weltkurort“ Bad Ragaz. Da sitzen wir faul im Park und schauen hoch zu den Bergen. Mittendrin muss der schroffe Erdisgulmen sein. „Den haben wir doch locker genommen“, sagt der Begleiter. „Und oben das sagenhafte Panorama“, ergänze ich. War da Mühsal? Alles vergessen.

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