Der Tagesspiegel : Schwere Vorwürfe eines Psychiaters: Schmökel wurde falsch behandelt

Zeuge kritisiert Berufskollegen vor Gericht und erzählt von einem ominösen Anruf

Claus-Dieter Steyer

Neuruppin. Der Schwerverbrecher Frank Schmökel hätte am gestrigen dritten Prozesstag erstmals seinen gewohnten versteinerten Blick verändern können. Denn im Zeugenstand vor dem Gericht in Neuruppin saß seine wichtigste Vertrauensperson – der Berliner Diplompsychologe Michael Brand. Doch der 40-jährige Angeklagte zeigte während der mehrstündigen Vernehmung keine Regung. Ja, er sah seinen Vertrauten durch seine neue Brille nicht einmal an. Kein Lächeln, kein Nicken, kein Kopfschütteln. Dabei baute ihm der Psychologe mehrere goldene Brücken. Denn Brand erhob schwere Vorwürfe gegen Ärzte und Psychologen in der Neuruppiner Klinik des Maßregelvollzuges: „Sie haben Schmökel völlig falsch behandelt und die „tiefe innere Störung seiner Persönlichkeit überhaupt nicht erkannt.“

„Die Kollegen haben nach der Wende einen unzureichenden Schnellkurs in Psychologie erhalten", sagte der 58-jährige Brand. Fatal sei ihre Entscheidung gewesen, Schmökel durch eine Verhaltenstherapie an das normale Leben anpassen zu wollen. „Er wurde wie ein stabiler und belastbarer Mensch behandelt, der seine Selbstkontrolle beherrscht", sagte der Psychiater. „Seine persönliche Identität ist jedoch bis heute nicht abgeschlossen, so dass bei ihm nur eine tiefenpsychologische Methode hilft." Es gehe bei Menschen wie Schmökel nicht darum, sie durch eine Therapie für das Leben zu rüsten. Ziel könne nur sein, dass sie ihren eigenen inneren Frieden fänden.

Nur vier Monate im Jahre 1995 konnte Michael Brand den damals wegen versuchten Mordes und Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens im Maßregelvollzug einsitzenden Täter betreuen. „Er betrachtete mich als Ersatz-Vater und erzählte mir über seine äußerst problematische Kindheit", sagte Brand. Seine Mutter habe ihn zu mehr als nur Umarmungen gezwungen und so einen „körperlichen Ekel vor überreifen Frauen" ausgelöst. Brands Prognose, dass Schmökel seine frühen Störungen wie Hass, Rache, Aggressivität und sexuelle Gier in drei Jahren hätte beherrschen können, sei gut gewesen. Doch der Berliner Psychiater stieß mit seinen Methoden in der Klinik auf große Widerstände. Er erhielt die fristlose Kündigung.

Dennoch riss der Kontakt zu Schmökel nicht ab. In Briefen, Telefongesprächen und Besuchen habe er ihm seine Unzufriedenheit über die Therapie in der Klinik geschildert, erzählte Michael Brand. „Es ging mit ihm psychisch und physisch bergab."

Schmökel selbst habe ihm kurz vor der Flucht und dem späteren Mord an einem Strausberger Rentner im Herbst 2000 einen bezeichnenden Satz gesagt. „In den letzten drei Jahren hat sich so viel Hass angestaut, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle habe." Wenig später nutzte er einen Hausbesuch bei seiner Mutter in Strausberg zur Flucht, wobei er zwei Bewacher und die Mutter teilweise lebensgefährlich verletzte. Während ein Großaufgebot von Polizei nach ihm suchte, erhielt Brand am 2. November 2000 einen Anruf von Schmökel. Darin schilderte er den Angriff auf den 60-jährigen Johannes Berger im Strausberger Ortsteil Postbruch. Er habe auf einen Mann eingeschlagen, vielleicht ist er auch noch am Leben, soll Schmökel gesagt haben. Kurze Zeit später alarmierte der Psychologe die Polizei.

Gestern überraschte Michael Brand die Journalisten und Zuschauer im Gerichtssaal mit einer bislang öffentlich unbekannten Angabe. Einige Zeit nach Schmökels Anruf am 2. November hätte ein Mann telefonisch gefragt, ob er die Vertrauensperson des Flüchtigen sei. „Als ich das bejahte, sagte der Mann: Er war es nicht. Da war noch jemand anderes", sagte Brand gestern aus. In diesem Augenblick huschte ein winziges Lächeln über Schmökels Gesicht. Er will sich am kommenden Montag erstmals im Prozess äußern.

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