Der Tagesspiegel : Sechs Zeilen zum Abschied

Urs Linsi hat seine Schuldigkeit getan: Er ist nicht mehr Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes

Robert Ide

Berlin - Als Urs Linsi noch ein kleines Kind war, spielte er oft Fußball auf dem Zürichberg. Auf den Sportanlagen der Credit Suisse hoch über der Stadt jagte er dem Ball und vielleicht auch einem Traum nach: einmal ein Star dieses Sports zu sein. Nun ist er es gewesen, wenn auch nur in der Fußball-Bürokratie. Fünf Jahre lang war Linsi Generalsekretär des Weltverbandes Fifa. Am Montagabend musste er weichen. In einer sechszeiligen Mitteilung gab die Fifa bekannt, der 58-Jährige habe sich „für eine neue Herausforderung entschieden“. Worin die besteht, vermochte am Dienstag niemand in Zürich zu sagen.

Seinen „Traumjob bei der Fifa“ (Linsi) trat der frühere Bankmanager der Credit Suisse 2002 unter harten Voraussetzungen an. Verbandspräsident Joseph S. Blatter hatte eine Palastrevolution seines Generalsekretärs Michel Zen-Ruffinen, der Blatter Lug, Trug und Korruption vorwarf, nur mit Mühe überstanden. Zudem stand der Verband nach der Pleite seines Vermarkters ISL vor dem Bankrott, die Schulden beliefen sich auf mehr als neun Millionen Euro. Der von Blatter eingesetzte Linsi sanierte die Fifa mit straffer Hand und strengen Marketingvorschriften. Linsi, der sich mit seiner schroffen Art auch bei deutschen WM-Veranstaltern unbeliebt gemacht hatte, brachte der Fifa manchen Imageschaden, andererseits aber auch neuen Reichtum. Inzwischen setzt der Verband pro Jahr eine Milliarde Euro um und verbuchte im WM-Jahr 2006 einen Gewinn von 185 Millionen Euro. Erst vor zwei Wochen eröffnete der Verband, der in der Schweiz nur als kleiner gemeinnütziger Verein eingetragen ist, seine neue moderne Zentrale, die jedem Weltkonzern zur Ehre gereichen würde. Für Bau und Planung des Gebäudes war Linsi verantwortlich. Er hatte das Gelände auf dem Zürichberg der Credit Suisse abgekauft.

Nun hat Urs Linsi seine Schuldigkeit getan. In Fifa-Kreisen war schon seit Monaten über das belastete Verhältnis zwischen ihm und Blatter berichtet worden. Dennoch hielt Blatter an seinem Banker fest – vielleicht auch, weil der Interna über den Hergang der ISL-Pleite und eine damit im Zusammenhang stehende Hausdurchsuchung bei der Fifa kannte. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Zug, die sich auch gegen den Verband richten, dauern an. Blatter, der der Fifa ein soziales, entwicklungspolitisches Image geben und 2010 mit der ersten WM in Afrika in die Geschichte eingehen will, versuchte zuletzt, Linsi aus der Öffentlichkeit zu drängen. Schon die weltweit übertragene Auslosung der WM 2006 durfte statt des eigentlich vorgesehenen Generalsekretärs der polyglotte Kommunikationsdirektor Markus Siegler leiten.

Auch beim Fifa-Kongress vor zwei Wochen in Zürich gab Siegler mit auffällig guter Laune den Conferencier, während Linsi die elektronischen Abstimmungsgeräte zu testen hatte. Blatter wurde auf dem Kongress per Akklamation und damit ohne mögliche Gegenstimmen wiedergewählt. In Zürich heißt es, ihm sei von einflussreichen Stimmensammlern ein Verzicht auf Linsi nahegelegt worden. Über die Nachfolge entscheidet in zwei Wochen das Fifa-Exekutivkomitee, dem auch Franz Beckenbauer angehört. Gute Chancen hat dabei Siegler, der wohlweislich sagte, er „kommuniziere in dieser Sache nichts“. Ebenfalls im Gespräch ist der frühere Marketingdirektor Jerome Valcke. Er wurde allerdings vor einem halben Jahr entlassen, nachdem die Fifa ihren Sponsor Mastercard mit dem Wechsel zum Konkurrenten Visa überraschte. Um die Angelegenheit gibt es weiterhin juristischen Streit, der die Fifa laut Blatter „noch Geld kosten wird“. Ein New Yorker Gericht hat festgestellt, dass als Beweis angeforderte Tonbandaufnahmen der entscheidenden Fifa-Sitzung lückenhaft sind. Ebenfalls ein derzeitiger Gewinner im ständigen Machtspiel der Fifa ist der weltgewandte Jerome Champagne, den Blatter schon mal fallen gelassen hatte, zuletzt aber zu seinem persönlichen Berater berief – Linsi hatte vergeblich versucht, das zu verhindern.

Joseph Blatter hat seine unumstrittene Macht in der Fifa ein weiteres Mal demonstriert. Urs Linsi war am Dienstag nicht mehr auf dem Zürichberg zu sehen.