Der Tagesspiegel : Sechzig Einwohner – und eine Straße für 2,6 Millionen Euro Durch Pinnow fahren 70 Autos am Tag. Aber die Kreisverwaltung lässt eine Asphaltstrecke für bis zu 850 Wagen pro Stunde anlegen

Frauke Herweg

Pinnow. Über dem See kreischen Vögel, in der Ferne wiehert ein Pferd. Die Lindenallee des 60-Einwohner-Dörfchens Pinnow liegt verlassen da. Wolfgang Pontani sitzt vor der Kirche in der Sonne und zündet sich eine Zigarette an. „70 Autos am Tag“, sagt er, kommen hier vorbei. Er hat sie gezählt. Eineinhalb Jahre lang hat der 52-Jährige mit einer Bürgerinitiative gegen den Ausbau der Pflasterstraße gekämpft, weil er die Allee aus den für die Uckermark so typischen Feldsteinen bewahren wollte. Umsonst. Seit zwei Wochen reißen Bagger die alten Steine aus dem Boden.

Die Prenzlauer Kreisverwaltung lässt die Straße wie geplant ausbauen: 5,50 Meter breit, ausgelegt für – theoretisch – bis zu 850 Autos die Stunde. Völlig überdimensioniert, findet Pontani. „Gerade eine so wenig befahrene Straße lässt andere Möglichkeiten des Ausbaus zu.“ Doch das von der Initiative erarbeitete Alternativkonzept – ein breiter Asphaltstreifen mit einem schmalen Pflasterband – wurde abgelehnt. Ab Ende Juli fahren die Autos an Pontanis Haus auf einer Standardteerstraße vorbei. „Man muss auch verlieren können“, meint er. Andere Dorfbewohner – wie Andreas Böttcher – drücken ihre Gefühle drastischer aus. „Ich bin tief enttäuscht“, sagt er, „über die politische Macht, Arroganz und Eitelkeit.“

Der Leiter des Prenzlauer Tiefbauamtes Hubert Czerwinsky kann Böttchers Aufregung nicht verstehen. Zwar habe es bislang tatsächlich „keinerlei Verkehrszählung“ gegeben. Doch nach langem Kampf sei für die 17 Kilometer lange Kreisstraße zwischen Blankenburg, Seehausen, Potzlow, Pinnow und Buchholz endlich Geld aus einem EU-Fördertopf bewilligt worden. Schon seit Jahren sei der 2,6 Millionen Euro teure Ausbau beschlossen. „De jure“, sagt der stellvertretende Landrat Reinhold Klaus, „de jure ist alles rechtens.“ Die Pinnower Lindenallee sei eine Kreisstraße, argumentiert Klaus, und als solche an bestimmte Standards gebunden. „Die Straße braucht einen Unterbau, der mindestens 50 Tonnen aushalten muss. Egal, ob da 150 Lastwagen am Tag durchkommen oder nur ein einziger.“

Vor der Kirche zündet sich Pontani die nächste Zigarette an. Nach eineinhalb Jahren Kampf ist er zu dem Schluss gekommen: „Die Verwaltung hat unsere Variante nie gewollt. Da fehlte einfach jeder Wille, etwas anders machen zu wollen.“ Inzwischen erwies sich sogar das Kostenargument als fragwürdig. Monatelang hatte sich der Kreis gegen das Alternativkonzept gewehrt, weil es angeblich deutlich teurer als der Standardausbau sei. Nach einem gemeinsamen Gespräch in der letzten Woche musste Tiefbauamtsleiter Czerwinsky jedoch die errechneten Zahlen korrigieren. Das Alternativkonzept sei zwar teurer, doch längst nicht in der Höhe wie von der Kreisverwaltung angegeben. „Unsere Planer haben sich erheblich vertan“, gibt Czerwinsky zu. In den kommenden Tagen wolle man sich bei der Bürgerinitiative entschuldigen.

Pontani hätte also Grund, späte Genugtuung zu feiern. „Doch was nützt das?“, fragt er ruhig. „Die Pflastersteine sind rausgerissen.“ Ganz umsonst sei der Kampf gegen die Straße dennoch nicht gewesen. Die Arbeit am Alternativkonzept hat die Pinnower – Einheimische und zugezogene Berliner wie Pontani – geeint. Gemeinsam hätten sie die Kirchmauer wieder aufgerichtet und Feste organisiert, sagt Pontani: „So ist wenigstens Dorffrieden eingezogen.“

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