Der Tagesspiegel : Sehnsucht nach Mecklenburg

Die Dörfer Wismar und Hansfelde fühlen sich als letzter Zipfel Brandenburgs Sie wollen die Landeszugehörigkeit wechseln, aber so einfach geht das nicht

Georg-Stefan Russew

Wismar/Hansfelde - In der Uckermark wird ein Aufstand geprobt: Die Dörfer Wismar und Hansfelde in der Gemeinde Uckerland wollen unbedingt nach Mecklenburg-Vorpommern wechseln.

Der ungewöhnliche Wunsch hat eine lange Vorgeschichte: Mit der Einführung der DDR-Bezirksstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg wurden gewachsene Regionen am Reißbrett zerschnitten. Die Uckermark wurde den Bezirken Neubrandenburg und Frankfurt (Oder) angegliedert. Nach der Wende hat sich der Landstrich, aus dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Boxlegende Max Schmeling stammen, zum größten Teil wieder dem Land Brandenburg angeschlossen.

Die Stadt Strasburg, die sogar auf ihren Ortseingangsschildern mit der Uckermark wirbt, hatte sich im Juli 1992 für den Beitritt zu Mecklenburg ausgesprochen. Die Stadt Brüssow sowie 21 Gemeinden, darunter Uckerland mit den Dörfern Wismar und Hansfelde, sind dagegen per Staatsvertrag nach Brandenburg heimgekehrt. Doch jetzt wollen Wismar und Hansfelde ihre Entscheidung aus dem Jahr 1992 revidieren.

In einer Bürgerbefragung haben sich kürzlich von 150 wahlberechtigten Männern und Frauen 125 für einen Länderwechsel und eine Eingemeindung in Strasburg ausgesprochen. Der Haken an der Sache: Nach Artikel 29 Grundgesetz können nur die beteiligten Bundesländer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern per Staatsvertrag über einen Wechsel befinden. Wismar, Strasburg oder der Landkreis Uckermark haben wenig zu entscheiden. „Wir haben deshalb den Petitionsausschuss im Landtag vor kurzem schriftlich um Unterstützung gebeten“, sagt Wismars Ortsbürgermeister Dieter Ludwig. Geert Piorkowski vom Potsdamer Innenministerium bestätigt, dass sein Haus den Landkreis und die Gemeinde um entsprechende Stellungnahmen gebeten hat: „Noch im April werden wir unseren Bericht dem Petitionsausschuss vorlegen“, sagt er.

In der Uckermark und in Mecklenburg streiten derweil die Kommunalpolitiker: „Man kann seine Länderzugehörigkeit doch nicht wie sein Unterhemd wechseln“, sagt die parteilose Bürgermeisterin der Gemeinde Uckerland, Monika Becker. Doch ihr Kontrahent, Wismars Ortsbürgermeister Dieter Ludwig bleibt beharrlich: „Mein Doktor, mein Friseur und meine Bank sind in Strasburg“, sagt er. Das sei schließlich nur drei Kilometer entfernt und Prenzlau, die nächste Stadt in Brandenburg, 30 Kilometer. Von Potsdam liegt Wismar 180 Kilometer entfernt, von der mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin immerhin fast 250 Kilometer. Ortsbürgermeister Ludwig will trotzdem zu Mecklenburg: „Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich hinter der Autobahn A 20 den Strasburger Kirchturm“, sagt er. Und zeigt stolz eine Urkunde aus dem Jahre 1874. Die würdigt Ludwigs Großvater, weil er 25 Jahre lang Gemeindevertreter von Strasburg war.

Der eigentliche Anlass für den Wechsel ist aber das Geld: Seitdem Wismar und Hansfelde im Jahr 2006 vom Strasburger Trink- und Abwassernetz zu dem Prenzlauer Anbieter wechseln mussten, wird erbittert gestritten. „100 Euro pro Jahr und Familie zahlen wir mehr“, entrüstet sich Ortsbürgermeister Ludwig.

Die Uckerländer Bürgermeisterin Monika Becker hält dagegen: „Der niedrigere Preis der Strasburger kam nur zustande, weil die Wismarer keine Anschlussgebühren zahlen mussten. Das Rohrleitungsnetz gehört aber der Gemeinde.“ Abzocke oder bösen Willen möchte sich Monika Becker nicht unterstellen lassen. „Wir haben Wismar und Hansfelde nie schlecht oder als letzten Zipfel Brandenburgs behandelt“, sagt sie: „Zuletzt haben wir für sie sogar ein neues Feuerwehrauto angeschafft.“

Weitere Streitpunkte sind Schulkosten: Bislang ist nicht klar, wer das Schulgeld für acht Wismarer Grundschüler zahlen muss, die in Strasburg zur Schule gehen. „Es gibt keine länderübergreifende Regelung“, sagt Bürgermeisterin Becker: „Wenn ich an Strasburg zahle, bekomme ich mit der brandenburgischen Kommunalaufsicht Arger“.

Ähnliches gilt für die ärztliche Versorgung. „Die Kassenärztlichen Vereinigungen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg müssen sich einigen, dass der Hausarzt von Strasburg auch nach Wismar kommen kann“, meint Becker. Die einfachste Lösung sei, dass sich die Länder endlich an einen Tisch setzen und die Probleme für „Grenzregionen“ komplett regeln. „Die Kleinstaaterei muss endlich aufhören“, sagt die Bürgermeisterin.

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