Der Tagesspiegel : Sein letztes Versprechen

Rolf B. sucht nach dem Mörder seiner Frau – sie wurde in ihrer Boutique in Schildow erschlagen

Ariane bemmer

Schildow – Auf der einen Seite der Straße ragt, in einem kleinen Stückchen Grün, ein schmaler, rechteckiger Gedenkstein empor. Er erinnert an Tote, Trauer, Entsetzen. „Den Opfern der Kriege“ steht in gusseisernen Buchstaben geschrieben.

Gegenüber stehen auf der Treppe vor der Glastür einer Boutique elf Blumentöpfe und eine Vase. Auch die erinnern an eine Tote. Auch diese Tote kam gewaltsam ums Leben. Aber ohne, dass Krieg ist.

Rolf B. ist ein sportlicher kräftiger Mann, er sitzt in kurzen Hosen und schwarzem T-Shirt in seinem großen Wohnzimmer, in dem fast alles weiß ist, am gläsernen Esstisch. Ganz am Rand, als gehöre er gar nicht mehr hier her. Seine Frau habe das alles so eingerichtet, sagt er. Sie sei der „Denker und Lenker“ gewesen, er habe immer nur gemacht. Er spricht leise, leblos und verdeckt manches Mal das Gesicht mit der Hand, wenn der Kummer seine Rede erstickt.

Seit dem frühen Nachmittag des 24. Juni ist seine Frau tot. Jemand hat Elke B., 40, erschlagen. In ihrer Boutique, Hauptstraße 18, mitten in Schildow, nördlich von Reinickendorf. Es ist der Sonnabend, an dem Deutschland gegen Schweden 2:0 gewinnt und nun im Viertelfinale der Fußball-WM steht. Der Sonnabend, an dem ganz Deutschland aus dem Häuschen ist.

Die Polizei hat fast zwei Monate nach der Tat nur sehr wenige Hinweise. Deshalb hat der Witwer jetzt eine Belohnung ausgesetzt. 2000 Euro bekommt von ihm, wer etwas Nützliches melden kann. Er sagt, dass ja sei alles, was er tun kann. Aber er werde nicht locker lassen. Er will den Mörder finden. Er sagt, dass habe er seiner Frau noch versprochen.

Die Boutique hat eine Alarmanlage. Als die am 24. Juni um 14 Uhr 30 nicht aktiviert ist, ruft der Sicherheitsdienst im Laden an. Als keiner abhebt, meldet er sich bei dem Ehemann. Die B.s wohnen nicht weit weg von der Boutique in einer Waldsiedlung. Die Straße vor ihrem Haus ist nicht mal gepflastert. Rolf B. liegt im Garten an dem kleinen Pool, den sie sich gebaut haben. Am Abend wollten sie nach Berlin fahren und bei einem Mexikaner das Länderspiel gucken. Als Elke B. auf seinen Anruf nicht reagiert, fährt der Mann zur Boutique. Seine Frau lebt noch, als er sie findet. Er sagt, sie habe gespürt, dass er ihre Hand nahm. Per Hubschrauber wird Elke B. ins Krankenhaus gebracht, der Mann fährt im Auto hinterher. In der Klinik stirbt sie.

Was aus der Boutique verschwunden ist: ein bisschen Bargeld, das schwarze Lederportemonnaie Marke „Marccain“, das Elke B. gehörte. Ihre Kontokarten, der Ausweis, der Führerschein und ein Schlüsselbund mit roter Schlüsseltasche.

Kurz nach dem Mord habe er täglich bei der Kripo angerufen, sagt der Witwer. Ob es etwas Neues gebe. Aber die konnten oder wollten ihm nichts sagen. Sie hätten auch ihn gefragt, wo er zur Tatzeit war. Er war spazieren mit Dipsy, dem Hund, den sie sich vor anderthalb Jahren gekauft haben, als ihr Sohn ausgezogen ist. Zeugen? Die werden schon rumgefragt haben, sagt Rolf B., ob jemand ihn gesehen hat. Rolf B. hat Dipsy weggegeben. Er arbeitet wieder als Bauarbeiter. Wer soll sich um den Hund kümmern?

Vor dem Kamin im Wohnzimmer steht ein gerahmtes Foto von der Toten. Es zeigt etwas unscharf eine Frau mit glücklichem Gesicht, lachend, und blonden Haaren. In einer kleinen Schatulle davor sind die Eheringe ineinander gelegt.

In Boulevard-Zeitungen ist spekuliert worden über die Ehe von Elke und Rolf B., ob die wohl noch glücklich gewesen sei. Entsetzlich sei das, sagt der Witwer. Rolf und Elke B. waren 22 Jahre lang ein Paar. Auf einem Fest in Schildow haben sie sich erstmals gesehen, und es sei gleich alles klar gewesen. Sie heirateten, bekamen einen Sohn, kauften den Grund, auf dem sie nach der Wende zu bauen anfingen. Viel sei selbst gemacht, Rolf B. ist vom Fach.

Es sei eine große Liebe gewesen, und die hätte auch noch lange gehalten. Als Elke B. dann am 1. Juli 1999 ihre Boutique eröffnen konnte, mit Luftballons und Sekt, war alles perfekt. Die eigene Boutique sei ihr Traum gewesen.

Er wird die jetzt auflösen. Am 26. und 27. August gibt es einen Schlussverkauf, eine Honorarkraft macht das. Er will da nicht mehr hingehen. Am liebsten würde er den Laden, wie er ist, weiterverkaufen. Weil das die schnellste Lösung wäre. Und dann den Pool zuschütten, den er nie wieder benutzen will.

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