Der Tagesspiegel : Selbstausbeute

Die prekäre Lage der deutschen Galerien in Zahlen.

Claudia Wahjudi

Die Ergebnisse sind ernüchternd. In Deutschland gibt es rund 700 professionelle Galerien für zeitgenössische Kunst, ein Drittel davon in Berlin. Zusammen vertreten sie rund 11 000 Künstler und machen jährlich knapp 450 Millionen Euro Umsatz. Doch nur 15 Prozent von ihnen erzielen über 500 000 Euro, 60 Prozent dagegen weniger als 200 000 Euro. In diesem unteren Segment liegt der durchschnittliche Jahresumsatz bei 64 000 Euro. Kurzum: Die Mehrheit der deutschen Galerien wirtschaftet prekär. So lautet das Resultat einer Untersuchung, die das private Institut für Strategieentwicklung (IFSE) vor wenigen Tagen in Berlin vorstellte. „Es wird ein großes Stück Arbeit, das zu diskutieren“, sagt Kristian Jarmuschek vom Vorstand des Bundesverbands Deutscher Galerien, mit dem das IFSE für die Studie kooperiert hat.

Der Verband hat Basisdaten zur wirtschaftlichen Situation vor allem mittelständischer Galerien gesucht. In der Branche herrscht Sorge, dass global agierende Großgalerien, Auktionshäuser und Onlinehändler traditionellere Unternehmen bedrohen. Tatsächlich fehlen diesen laut der Studie, die das IFSE nach Selbstauskunft allein finanziert hat, Planungssicherheit und Investitionsspielräume. An der Online-Konkurrenz liegt es jedoch nicht: „Die Digitalisierung im Kunstmarkt ist im Vergleich zu anderen Branchen wie der Musik- und Bücherwirtschaft noch nicht sehr weit fortgeschritten“, heißt es. Auffällig wirken dagegen der hohe Anteil regionaler Kunden und die moderaten Preise für Kunst: Ein typisches Gemälde koste zwischen 1000 und 5000 Euro.

Das IFSE hat bereits zwei örtliche Untersuchungen zu Kunst veröffentlicht: 2010 zum Berliner Kunstbetrieb und 2011 zur Situation Berliner Künstler. Für die bundesweite Recherche 2013 hat das Team um IFSE-Leiter Hergen Wöbken nun 800 Galerien mit Gewinnabsicht kontaktiert. In die Auswertung kamen nur jene, die schon einmal an einer Messe teilnahmen und sich auf Gegenwartskunst konzentrieren. An der Online-Umfrage haben sich 200 Galeristen beteiligt, mit 35 sprach das Team persönlich. Dabei ist eine weitere Überraschung zutage gekommen: Obwohl von den Akademien inzwischen mehrheitlich Absolventinnen kommen, stellen Frauen in den Galerien nur ein Viertel der vertretenen Künstler. Die Branche ist offensichtlich konservativer als ihr Ruf.

Bleibt die Frage, was mit den Ergebnissen gewonnen und verloren ist. Der Galerienverband wird sie sicher als Argumente in den Debatten um die Künstlersozialkasse und die ermäßigte Mehrwertsteuer auf Kunst nutzen können. Doch Politiker von der wirtschaftlichen Bedeutung zeitgenössischer Kunst zu überzeugen, wird nun schwieriger. Über die Bedeutung der Zahlen für die Branche wollen der Verband und das IFSE noch 2013 in Köln, Hamburg und Berlin öffentlich diskutieren. Claudia Wahjudi

0 Kommentare

Neuester Kommentar