Senioren : Ministerin künstlich gealtert

Niedersachsens Sozialministerin möchte auf die Probleme von Senioren im Alltag aufmerksam machen. Sie schlüpft dafür in einen Anzug, der sie 35 Jahre älter macht.

Christina Sticht[dpa]
Ross-Luttmann
Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann gut 30 Jahre älter. -Foto: dpa

HannoverIn dem roten Anzug mit schwarzem Helm sieht Mechthild Ross-Luttmann (CDU) fast aus wie ein Formel-1-Pilot. Allerdings schützt ihr Dress nicht, sondern schränkt ein. Jeweils 2,5 Kilo Gewichte an Armen und Beinen lassen den Gang der niedersächsischen Sozialministerin schwerfällig werden. Die Knie und Ellbogen sind durch Bandagen versteift. Das Visier des Helms trübt die Sicht der Politikerin, sie hört schlechter und kann mit Skihandschuhen nur eingeschränkt greifen. Die Kostümierung wirkt etwas lächerlich, doch sie hat einen Zweck. "Ich möchte auf die Beeinträchtigungen von Älteren im Alltag aufmerksam machen", sagt Ross-Luttmann in einem Kaufhaus in Hannover.

Schwitzen nach zehn Minuten

Oft könnte schon durch kleine Maßnahmen der Alltag für Senioren lebenswerter gestaltet werden, betont die 49-Jährige. Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Sozialministerium eine Vereinbarung mit dem niedersächsischen Einzelhandel getroffen. Darin verpflichtet sich der Handel dazu, in Zukunft die Wünsche und Bedürfnisse älterer Kundinnen und Kunden noch stärker zu berücksichtigen. Die Geschäftsinhaber wollen unter anderem für breite, gut ausgeleuchtete Gänge, ausreichend Sitzgelegenheiten und große Umkleidekabinen sorgen. Ähnliche Vereinbarungen sollen auch mit anderen Branchen getroffen werden.

Eine gute halbe Stunde geht Ross-Luttmann in dem Anzug, der sie um 30 bis 35 Jahre altern lässt, durch die Abteilungen des Warenhauses - sie zieht Geld am Automaten, sucht bei den Schreibwaren eine Geburtstagskarte aus, schaut sich Kleidung und schließlich die Handys an. Für eine kritische Prüfung bleibt wenig Zeit, zumal die Ministerin auch den Wünschen der Kamerateams und Fotografen nachkommen soll. Erste Eindrücke sammelt sie allemal: "Am Geldautomaten konnte ich die Zahlen, nicht aber die Schrift lesen", sagt sie und wischt sich bereits nach zehn Minuten den Schweiß von der Stirn. Bei den Abendkleidern verwechselt sie lindgrün mit gelb.

Projekt der Generationenmarketing-Firma "Focus 50plus"

"In solchen Momenten kommt es auf eine einfühlsame Beratung durch geschultes Personal an, das mit den Problemen und Wünschen der Zielgruppe vertraut ist", sagt Karl-Heinz Oppenheim, Vize-Präsident des Unternehmerverbandes Einzelhandel Niedersachsen. Etwa 40 Prozent des Umsatzes erzielt der Handel mit Käufern über 50, Tendenz steigend. Warenhäuser umwerben Senioren mit speziellen Angeboten wie PC-Kursen oder einem "Personal Shopper", also Assistenten beim Einkaufen. Derartige Serviceangebote - wie auch die Lieferung von Waren nach Hause - sollten ausgebaut werden, appelliert Ross-Luttmann.

Am Ende ist die Ministerin froh, den von der Generationenmarketing-Firma "Focus 50plus" bereit gestellten Anzug wieder ausziehen zu dürfen. "Weil ich sportlich bin, konnte ich die Beeinträchtigung am Anfang noch gut kompensieren", berichtet die 49-Jährige. Im Laufe der Zeit habe sie die Gewichte jedoch deutlich zu spüren bekommen. "Der Anzug gewinnt immer", sagt sie und lacht.