Der Tagesspiegel : Shoppen in der Sparkasse: Bundesweit erstes Pilotprojekt

Reinhart Bünger

Mineralölhersteller, Kaffeeröster und die Deutsche Post AG machen es schon seit etlichen Jahren vor: Es lassen sich gute Geschäfte mit Artikeln machen, die ursprünglich gar nicht zum originären Geschäftszweck gehören. So wurden Tankstellen zu Supermärkten mit Benzinausschank, Filialen der Post AG wurden zu Schreibartikelläden und Stehcafés mutierten zu modernen "Tante-Emma-Läden" - zu "Convenience-Shops". Inzwischen haben auch Banken und Sparkassen begonnen, über einen Zusatznutzen für ihre Kunden nachzudenken. Am Montag startet ein Pilotprojekt, das eine ganze Branche umkrempeln könnte: Die am Dienstag eröffnete Sparkassen-Geschäftsstelle Kyritz Mitte will neben ihren monetären Dienstleistungen rund fünfzig Produkte anbieten. Das Motto des zunächst auf zwei Wochen befristeten Pilotprojektes: "Clever shoppen in der Sparkasse".

Die Zweigstelle in Kyritz, die zur Sparkasse Ostprignitz-Ruppin gehört, ist als Versuchsobjekt besonders gut geeignet: Der Selbstbedienungsbereich ist größer als in älteren Filialen und ermöglicht Geldgeschäfte rund um die Uhr. Zudem verfügt die Filiale über helle Räume. Herkömmliche Elemente wie Schalter sucht man hier vergebens, dafür gibt es mobile Beratungstresen. Wird dort am Montag das erste in der Sparkasse verkaufte Bier getrunken? "Nein, Bier sicherlich nicht", winkt Guido Hunke, Marketing-Bereichsleiter des Sparkasse in Ostprignitz-Ruppin, ab. "Bier verbinde ich nicht mit dem trockenen Bankgeschäft." Doch in welcher Richtung man das Sortiment ausweite, hänge letztlich von der Kundenakzeptanz ab. Zunächst sind in der Sparkassen-Geschäftsstelle verschiedene Merchandisingartikel zu kaufen. Die Angebote gehen von "Knax"-Artikeln für Kinder, wie zum Beispiel Rücksäcke, Uhren, Spardosen, über Fanartikel von Hertha BSC, Michael Schumacher und Kommissar Rex bis hin zu Geschenkartikeln wie CDs und Bücher. "Wir wollen eine Erlebniswelt für unsere Kunden schaffen", sagt Hunke. Das originäre Bankgeschäft solle jedoch weiter im Vordergrund stehen; eine Kochtheke werde in der Kyritzer Sparkasse sicher nicht eingerichtet.

Einen monetären Nutzen erwartet sich die Sparkasse durch das Angebot der rund fünfzig Artikel nicht. Dass der Vorstoß in den Zeiten des Online-Banking zur existenzsichernden Maßnahme werden könnte, bestreitet Hunke: "Doch wir befinden uns auf dem Weg, es wie Tchibo zu machen, es wie die Tankstellen zu machen." Dem Versuch sei eine Kundenbefragung vorausgegangen. Diese wurde Ende Juni 2000 mit Unterstützung des Lehrstuhls Marketing und Handelsbetriebslehre an der Technischen Universität Chemnitz mit 512 Personen durchgeführt. Circa siebzig Prozent fanden die Idee, in der Sparkasse auch Artikel kaufen zu können, interessant bzw. sehr interessant. Das meiste Interesse fanden Artikel für Kinder, Bücher/Zeitschriften sowie Geschenkartikel. Auf die Frage "Würden Sie aufgrund des Angebotes von interessanten Geschenkartikeln die Sparkassengeschäftsstelle aufsuchen und einzelne Produkte kaufen?" antwortete jeder dritte Befragte mit "Ja".

Dass die im Versuch angebotene "Spardose Dagobert" oder der "Euro-Taschenrechner" in das Bild einer Sparkassen-Geschäftsstelle passt, versteht sich von selbst. Aber wie ist das mit branchenfremden Artikeln? Wer erwartet in einem Schalterraum einen "Hertha-Fanschal" für 24,95 Mark oder die "Knax"-Regenjacke für 12,95 Mark? "Ja, die Kundenbefragung stimmt uns in positivem Sinne nachdenklich", sagt Hunke. Die habe nämlich auch ergeben, dass sich viele Kunden vorstellen könnten, in der Sparkasse Reisen zu buchen. Der Hertha-Fanschal sei mit dabei, weil man eine breite Palette anbieten wolle. Erfolgreich sei der Versuch, wenn das Gros der Kunden Artikel kaufe. "Ich gehe davon aus", sagt Hunke, "dass die Renner die Knax-Artikel sind - und die Fan-Artikel von Hertha."

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