Der Tagesspiegel : Showdown auf der Badewiese

Im Kampf um den Uferweg in Groß Glienicke sollen Kontrahenten am Sonntag ins Gespräch kommen

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Zank um den Zaun. Der Protest der Nachbarn ist an jeder Ecke in Groß Glienicke sichtbar. Transparente hängen an Hecken und...

Potsdam – Es ist eine Idylle. Flach über das Wasser schweben Schwäne, die Bäume tragen erstes Grün, überall Vogelgezwitscher. Am Groß Glienicker See erwacht die Natur. Und in ihren Gärten bestellen Anwohner die Beete, in vielen Häusern wird Frühjahrsputz gemacht. Doch die friedliche Stimmung trügt, schon am Ortseingang steht auf Schildern „Freies Ufer“, an den Zäunen hängen Zettel: „Gesperrte Wege verletzen das Gemeinwohl.“ Ein Rentnerpaar aus Spandau muss vor einer quer über den Uferweg frisch gepflanzten Hecke kehrt machen. „Wir spazieren hier immer von Kladow aus um den See, heute das erste Mal in diesem Jahr.“ Sie haben auch schon davon gehört, dass es Streit um das Seeufer gibt in Groß Glienicke, aber nicht, dass es so weit gekommen ist.

Seit zwei Wochen ist Schluss mit der Idylle in der 5000 Einwohner zählenden Gemeinde, einem noblen Ortsteil der Landeshauptstadt Potsdam mit üppig hergerichteten Villen. Mehrere Anwohner haben den früheren Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen auf Grundstücken am Westufer gesperrt. Eine junge Frau, die gegen den Winterspeck joggt und vor drei Jahren samt Familie in den Ort zog, sagt: „Das ist eine Schweinerei, auch wegen der Kinder.“ Eine Radlerin dagegen spricht von kommunistischen Verhältnissen, weil Privateigentum enteignet werden soll. Es herrscht Aufruhr in Groß Glienicke. Eine Bürgerinitiative hat sich gegründet, die zweite „Montagsdemo“ steht an, der Protest soll weitergehen bis „alle Wälle fallen“. Am Ostermontag kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Wachleuten und Demonstranten. Das war genau vor dem Haus von Baudis Münich, Anfang 50, einer der Anrainer, die den Uferweg dicht gemacht haben. „Das ist wie Bürgerkrieg“, sagt er. Ein von ihm engagierter Wachmann hätte nach einem Angriff im Krankenhaus untersucht werden müssen, mehrere Anzeigen wegen tätlicher Attacken und herausgerissener Pflanzen liegen bei der Polizei. Man habe ihm sogar gedroht, sein Auto und Haus würden brennen. „Aber uns bleibt nichts anderes übrig, was die Stadt Potsdam mit uns macht, ist pure Willkür“, sagt Münich.

Tatsächlich gibt es Vorwürfe, die Stadtverwaltung würde sich nicht an Absprachen halten. Seit November gab es mehrere Treffen. Am Ende erklärten vier Anrainer die Gespräche für „final beendet“. Inzwischen hat die Stadt den ersten Schritt zur Enteignung getan und Kaufangebote für den Uferstreifen verschickt – allerdings ohne eine konkrete Summe zu nennen. „Die Stadt hatte seit dem Jahr 2000 Zeit mit uns zu sprechen“, sagt Münich. So lange schon gibt es einen gerichtlich bestätigten Bebauungsplan zur Ufergestaltung. In diesem Frühjahr soll es losgehen. Selbst der Grünen-Stadtverordnete Andreas Menzel hat den Verdacht, dass die Stadt „Erwartungen geweckt hat, die von vornherein unrealistisch waren“.

So richtig versteht keiner mehr diesen Streit um den früheren Postenweg der Grenztruppen. Ohne den Bau der Berliner Mauer gebe es diesen Weg gar nicht, sagt Münich. Aber nach 1989 blieb er wie er war – auch das war eine Befreiung. „Viele Leute sind nach Groß Glienicke gezogen, weil es diesen schönen Uferweg hier gibt“, sagt Menzel, er ist Sprecher der Bürgerinitiative. Aber auch viele Anwohner von der anderen, der Berliner Seite des Sees in Kladow mischen mit beim Protest, alle Anzeigen bei der Polizei sind gegen Berliner erstattet worden.

Vereine im Ort wollen nun den Dialog anschieben. Für Sonntagnachmittag rufen sie zur einer Kundgebung auf der Badewiese auf, die von beiden Seiten nicht mehr über den Uferweg, sondern nur noch über den Seepromenade erreichbar ist. Anrainer sollen über ihre Erfahrungen mit der Verwaltung berichten, der Ortsbeirat kommt zu Wort, auch Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hat zugesagt.

Bis Freitagabend sollten die Sperren am Ufer verschwinden, das hat die Stadt verfügt – und den Anrainern ein Zwangsgeld in vierstelliger Höhe angedroht. Und die Stadt könnte am Montag selbst Räumkommandos anrücken lassen.

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