Der Tagesspiegel : "Sicherlich gab es einige Raffkes"

TOBIAS ARBINGER

ZILTENDORF ."Hier hilft das Rote Kreuz", steht an einigen Gartentüren.Spuren der "Jahrhundertflut" vom Sommer 1997.Wie hoch das Wasser stand, ist an einer handvoll unverputzter Giebelhäuschen der Ernst-Thälmann-Siedlung südlich von Frankfurt (Oder) zu sehen.Bis zur oberen Fensterkante liegen ihre Ziegel frei.Erahnen läßt sich das Ausmaß der Überschwemmung aber auch am schon Renovierten.Wo man hinguckt, sieht man frisch gestrichene Gebäude, leuchten neue rote Dächer, gibt es neue Zäune.Hie und da peppen neue Garagen, Anbauten und Wintergärten die bescheidenen Reihenhäuser etwas auf.

Neue Garagen, Anbauten und Wintergärten stehen auch im Mittelpunkt eines Streits, der nach der Abrechnung des Spendenflusses in der Ziltendorfer Niederung ausbrach.Vergangene Woche kam heraus, daß 1,8 Millionen Mark von den 30 Millionen, die - teilweise in den ersten chaotischen Wochen - in das Katastrophengebiet flossen, zuviel ausgezahlt wurden.Unmut über die angeblich ungleiche Verteilung von Geldern hatte es schon früh gegeben.Seit Bekanntwerden der "Überzahlungen" kommen dazu nun Mutmaßungen, einzelne hätten sich bereichert und ihre Häuschen zu luxuriös ausgebaut.Auf die Spendenaktion, Synonym für das Zusammenrücken der Deutschen, fällt ein Schatten.

"Wer hat vorher Wintergärten gehabt, wer Swimmingpools, wer neue Dächer?", fragt beispielsweise Heinz Blümel, 48jähriger Bewohner der Thälmann-Siedlung.Blümel, der erst dieser Tage mit der Renovierung seines Hauses fertig geworden ist, beklagt Ungerechtigkeiten.Es habe Bewohner gegeben, die vor der Flut "noch keine Innentoilette" und "die Farbe von 1950" hatten.Ihn ärgere, daß sie für ihre Gebäude teilweise mehr Geld bekamen, als die, die ihre Häuser schon modernisiert und sich dafür verschuldet hatten.

Anfangs hätten die Geschädigten das Geld "nicht aus böser Absicht" genommen, sagt Blümel.Nach der dreiwöchigen Überschwemmung "waren die Leute mit den Nerven herunter".Man habe weder gewußt, was man zuerst machen sollte, noch, ob die Versicherungen für die Schäden aufkommen würden - was die meisten später taten.Im August 1997 setzte eine Art Spendentourismus ins Odergebiet ein, unzählige Baumärkte, Autohäuser, Belegschaften und Private reichten Bares "über den Gartenzaun".Da habe fast jeder zugegriffen, erzählt Blümel.

Niemand hatte erwartet, welche immensen Beträge auf die rund 100 verschiedenen Spendenkonten eingingen.Nach den ersten Wochen verbesserten das Land und die Hilfsorganisationen die Koordinierung.Gutachter zogen durch die Dörfer, bemaßen jeden einzelnen Schadenfall.Das "Patenschaftsmodell" wurde erfunden: Jedes Opfer wurde einem Wohlfahrtsverband zugewiesen.Im September 1997 verschickte der Landkreis ein Schreiben.Schon damals wurden die Flutopfer aufgefordert, alles, was sie über die zugesicherten 90 Prozent des Schadens hinaus an Geld bekommen haben, zurückzuzahlen."Das haben viele nicht gemacht", sagt Blümel.Wenn dies heute bestritten werde, werfe das "ein schlechtes Licht" auf die Gegend.

Etwa 250 Gebäude in der Ziltendorfer Niederung haben nach Angaben des Landkreises Oder-Spree schwere Schäden davongetragen.In 102 Fällen hätten sich bei der Auswertung der Spenden-"Kontoblätter" im Sommer vergangenen Jahres Unterschiede zwischen der Schadenshöhe und den Auszahlungen ergeben.Beträge zwischen 2000 und 100 000 Mark wurden zuviel ausgezahlt.Dabei sei "vieles nicht erfaßt" worden, sagt Lutz Bühnert, Spendenkoordinator des Kreises.Nach "Klärungsgesprächen" hätten 43 Flutopfer zugesagt, 770 000 Mark zurückzugeben.In 59 Fällen seien weitere Gespräche notwendig.25 Empfänger hätten sich allerdings verweigert.Das Wort "Bereicherung" will Bühnert nicht in den Mund nehmen.Er stellt bei manchen eine Art Trotzhaltung fest: "Es gibt Bürger, die sagen: Es ist doch genug da."

"Es wurde zuviel in einer Zeit ausgezahlt, als noch nicht klar war, wie hoch die Schäden waren", sagt Gerhard Binder, einer der 43 "Rückzahler".Die Mittel seien "sofort und unbürokratisch verteilt worden, teilweise auch leichtfertig".Ihn ärgere heute aber, daß Bewohner der Thälmann-Siedlung "zu Schuldigen gemacht" würden, weil sie Hilfe annahmen, sagt Binder.Man solle den bürokratischen Aufwand der Rückzahlungen nicht unterschätzen, bei ihm habe es einmal "Monate" gedauert, bis eine Überweisung registriert wurde."Sicherlich gab es den einen oder anderen Raffke", sagt Binder.Es sei aber ungerecht, jetzt mit dem Finger auf die zu zeigen, die ein neues Zuhause haben: "Daß die Häuser nicht mit altem Putz verputzt werden, war doch klar."

Bei der Spendenverteilung habe man nur allgemeine Maßstäbe ansetzen können, sagt der Vorsitzende des Spendenbeirats der Landesregierung, Altbischof Martin Kruse.Es galt, die Häuser wieder bewohnbar zu machen.Die finanziellen Verhältnisse der Bewohner wurden nicht berücksichtigt.Deshalb "kam es im Empfinden der Menschen notgedrungen zu Ungerechtigkeiten".Die Fehlentwicklungen, die sich jetzt zeigten, seien in den allermeisten Fällen "nicht aus bösem Willen" geschehen, meint Kruse, sondern durch die "ungeordnete Situation" in den ersten drei Monaten bedingt.Es müsse Zeit sein, in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob nicht falsche Informationen zu Forderungen geführt hätten.Es sei aber im Interesse der Spender und der Empfänger, daß es bei der Abrechnung redlich zugehe.

Der Spendenbeirat wartet nun ab, was die weiteren Gespräche ergeben.Im Laufe des Monats will er sich zu den Ergebnissen äußern.Spendenkoordinator Bühnert hofft, daß bis dahin auch die restlichen 59 Familien kooperieren.Derzeit formuliere der Landrat einen neuen Brief, in dem er an die Redlichkeit der Empfänger appelliere.Wenn das nicht helfe, sagt Bühnert, sind aber auch "rechtliche Konsequenzen" nicht ausgeschlossen.

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