Siemens-Verkauf : 7000 Jobs nach VDO-Übernahme durch Conti in Gefahr

Nachdem der Hannoveraner Conti die Autozulieferersparte VDO von Siemens übernommen hat, geht bei den 50.000 Beschäftigten die Angst um: Denn ein Arbeitsplatzabbau steht so gut wie fest - Erinnerungen an die BenQ-Pleite werden wach.

Axel Höpner[dpa]
VDO
Conti übernimmt den Autozulieferer Siemens VDO mit 50.000 Mitarbeitern. -Foto: dpa

München/HannoverDer milliardenschwere Verkauf des Autozulieferers VDO mit seinen 50.000 Beschäftigten an Conti weckt bei vielen Arbeitnehmervertretern böse Erinnerungen. "Offensichtlich hat man aus dem BenQ-Debakel bei Siemens nichts gelernt", schimpft IG-Metall-Bezirksleiter Werner Neugebauer. Während bei der Handysparte - die nur ein Jahr nach dem Verkauf durch Siemens Pleite ging - 3000 Arbeitsplätze verloren gingen, seien bei VDO und Conti wegen zahlreicher Überschneidungen nun mehr als doppelt so viele Jobs in Gefahr. Auch Lokalpolitiker sorgen sich um die Zukunft der Arbeitsplätze, während Bund und Länder die "deutsche Lösung" als industriepolitisch sinnvoll begrüßten.

Conti zahlt 11,4 Milliarden Euro für die Siemens-Sparte und steigt damit zum fünftgrößten Autozulieferer der Welt auf. "Industriepolitisch macht das durchaus Sinn", räumte auch ein Siemens-Aufsichtsrat von der Arbeitnehmerseite ein. Schließlich entsteht ein neuer Branchenriese, der im knallhart geführten Wettbewerb der Zulieferindustrie eine führende Rolle spielen kann. Für VDO ist es da von Vorteil, in Conti einen starken Partner gefunden zu haben. Die Blackstone-Tochter TRW, die ebenfalls mitbot, sei dagegen ein schwächeres Unternehmen, hieß es in Aufsichtsratskreisen. "Wenn sich ein Kranker mit einem Gesunden zusammenschließt, kommt meistens nichts gutes dabei heraus."

Arbeitsplatzabbau gilt als sicher

Dass es einen gewissen Arbeitsplatzabbau geben wird, gilt allen Seiten als klar. Die Autozulieferer müssen wegen des Preisdrucks durch die Hersteller ohnehin regelmäßig ihre Produktivität verbessern. Um den hohen Kaufpreis zu rechtfertigen, muss Conti-Chef Manfred Wennemer Einsparpotenziale durch die Übernahme bergen. Ab 2010 erhofft er sich Synergien von 170 Millionen Euro im Jahr - ohne den Abbau von Arbeitsplätzen in manchen Bereichen dürfte das kaum möglich sein.

Die IG Metall forderte in den Aufsichtsräten von Conti vor allem vergeblich einen Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen ein. Darauf wollte sich Conti nicht einlassen. Die Standort-Zusagen, die gemacht wurden, bezeichnet die IG Metall als windelweich. "Es gibt viele Ausnahmeklauseln", sagt ein Kenner des Vertragswerks. Vor allem deshalb fürchtet die Gewerkschaft, dass es am Ende einen unkontrollierten Stellenkahlschlag geben könnte. Um dies zu vermeiden hätte Siemens nach Forderung der IG Metall beim Kaufpreis lieber auf die eine oder andere Millon verzichten sollen. "Ich habe erwartet, dass der Fall BenQ zu einer höheren sozialen Kompetenz und Sensibilität im Siemens-Management geführt hätte", sagte IG-Metall-Vize Berthold Huber. "Aber da habe ich mich wohl geirrt."

Auch Politiker zeigen sich besorgt

Aufgeschreckt durch die scharfe IG-Metall-Kritik äußerten sich auch Politiker besorgt. "Ich hoffe, dass es dem Erwerber nicht allein um wirtschaftliche Interessen, sondern auch um die Zukunft der 1600 Würzburger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht", sagte zum Beispiel die Würzburger Oberbürgermeisterin Pia Beckmann (CSU). Der SPD-Bundestagsabgeordnete Walter Kolbow wies in einem Brief an Wennemer darauf hin, dass die VDO-Beschäftigten in den vergangenen Jahren durch Lohnverzicht und Mehrarbeit bereits starke Vorleistungen zum Erfolg des Unternehmens erbracht hätten. "Nur durch die hohe Motivation und Identifikation der Mitarbeiter von Siemens VDO haben Sie nun ein gesundes, für Sie überaus interessantes Unternehmen in Ihren Konzern eingliedern können."

Die IG Metall ist vor allem skeptisch, weil sie in den vergangenen Jahren nach eigener Einschätzung schlechte Erfahrungen mit Conti gemacht hat. "Wennemer ist der Oberschweinstreiber für die 40-Stunden-Woche", sagte Bayerns IG-Metall-Chef Neugebauer. Allerdings ist das Gewerkschaftslager geteilt. Auffällig war, dass die Vertreter der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) im Conti-Aufsichtsrat für den VDO-Kauf stimmten. Das Geschäft sei ein wichtiger Beitrag, High Tech in Deutschland zu halten, sagte Werner Bischoff, stellvertretender Conti-Aufsichtsratschef für die IG BCE. Die Gewerkschaft, zuständig für die Sparten Reifen und ContiTech, war einst Platzhirsch bei Conti. Durch die VDO-Übernahme sind die in den vergangenen Jahren durch den Ausbau der Autoelektronik ohnehin erstarkten IG-Metaller bei Conti jetzt im Übergewicht. Dies könnte auch Auswirkungen für den nun größeren Conti-Konzern haben: Die IG BCE gilt als moderat, die Metaller dagegen sind eher dafür bekannt, auf den Putz zu hauen.