Der Tagesspiegel : Signale auf Rot für die alten Stellwerke

Computer ersetzen Menschen – und die Schlüssel für die Gleise sind nicht mehr notwendig

Klaus Kurpjuweit

Herzberg. Ohne Schlüssel geht gar nichts. Dagmar Schade zieht ihn aus dem Schloss des Schrankes und läuft hinaus zur Weiche. Dort steckt sie ihn wieder in ein Schloss. Nun kann Dagmar Schade die Weiche stellen – per Hand. Mit einem kräftigen Ruck wirft sie den Weichenhebel herum. Jetzt zieht sie an der Weiche einen anderen Schlüssel ab, den sie dann wieder an einer anderen Stelle in den Schrank im Stellwerk steckt, um sofort einen weiteren Schlüssel herausziehen zu können. Mit diesem in der Hand geht’s wieder hinaus zum Signalkasten auf dem Bahnsteig. Schlüssel dort wieder rein und dann kann Dagmar Schade kurbeln. So stellt sie das Signal auf Fahrt. Der Zug kann nun kommen.

Dagmar Schade ist Fahrdienstleiterin in Herzberg an der Nebenstrecke von Löwenberg nach Neuruppin/Rheinsberg. Und nur an solchen Nebenstrecken gibt es noch solche Stellwerke. Mehr als hundert Jahre ist das Schlüsselwerk bereits alt – und es funktioniert immer noch. „Das System ist so sicher wie jedes andere Stellwerk“, sagt der für den Betrieb zuständige Bezirksleiter Thomas Martin. Doch eine Zukunft hat das Schlüsselwerk nicht mehr. Die Bahn ersetzt die Oldtimer nach und nach durch modernste Technik – wenn das Geld dafür vorhanden ist. Stellwerke mit der Schlüsseltechnik sind bereits ganz selten.

Auch Bernhard Kaufmann wird in seinem Stellwerk nicht mehr lange die schweren Hebel hin- und her wuchten können, mit denen Weichen und Signale über Stahlseil-Verbindungen gestellt werden. Noch blickt er in Löwenberg den Zügen nach, wenn sie am Stellwerk vorbeirauschen. Das gehört zu seinen Aufgaben, denn bei der Vorbeifahrt soll er kontrollieren, ob am Zug alles in Ordnung ist. Doch auch dieses modernere mechanische Stellwerk steht vor der Ausmusterung. Kaufmann arbeitet erst seit zwei Wochen dort. Zuvor war er in Neustrelitz auf dem Stellwerk.

Und dort hat ihn die modernste Technik bereits abgelöst. Weichen, Signale und Schranken werden jetzt elektronisch gesteuert – per Mausklick am Computer. Die Mitarbeiter sitzen in Berlin-Pankow. Dort hat die Bahn an der Granitzstraße ihre Betriebszentrale aufgebaut, die einmal den Verkehr in Berlin, Brandenburg sowie in Mecklenburg-Vorpommern und in Teilen von Sachsen-Anhalt steuern wird. So senkt die Bahn die Zahl der Mitarbeiter. Das Dumme dabei ist, dass bei einer Panne im elektronischen Stellwerk meist gar nichts mehr geht.

Viel Zeit zum Umstellen der Technik bleibt der Bahn jedoch nicht, denn bei den alten Anlagen gibt es zum Teil bereits ein Umbauverbot, weil Ersatzteile fehlen. Nur die Schlüssel von Dagmar Schade passen immer noch. Zig Mal am Tag.

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