Der Tagesspiegel : Sitzen gelassen

Heftige Verspätungen, schimpfende Schaffner und volle Züge: Wie der erste Werktag im ICE-Chaos ablief

Florian Ernst

Berlin - Hauptbahnhof, kurz vor 11 Uhr, Gleis 1. Der erste Tag im Berufsverkehr während des ICE-Chaos. Der Zug auf der wichtigen Pendlerstrecke nach Hamburg ist wie so viele andere auch ausgefallen. Hans Hoffmann aus Hamburg sitzt auf einer Bank auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug nach Wittenberg. Da sein ICE nicht fuhr, ist er auf einen Eurocity umgestiegen und so mit Verspätung in Berlin angekommen. Wie viel genau? „Eineinhalb Stunden.“

Hoffmanns Ärger hält sich dennoch in Grenzen: „Es nutzt nichts, sich aufzuregen, das kostet nur Nerven.“ Ein größeres Problem sei es jedoch für ältere Fahrgäste, die selten mit der Bahn reisten. Diese seien oft verunsichert. Er selbst sei Vielfahrer und mit den Informationen in Zügen und auf Bahnhöfen recht zufrieden. Nur die ganze Aktion verwundert ihn: „Ich finde es komisch, dass alle Züge schlagartig aus dem Verkehr gezogen und überprüft werden müssen und die Bahn das auf dem Rücken der Fahrgäste austrägt.“ Seit Sonnabend kommt es zu Engpässen durch die Achsenüberprüfungen bei neuen ICE-Zügen, die auch auf den Strecken von Berlin nach Hamburg und Leipzig eingesetzt werden. Eine Zugbegleiterin der Bahn, die neben Hoffmann sitzt, schaltet sich ein: „Das wird auch auf unserem Rücken ausgetragen“, sagt sie, „wir haben den größten Ärger!“ Sie werde auf einer eigentlich nicht betroffenen Strecke – der nach Frankfurt am Main – eingesetzt, sagt sie und erzählt, dass es auch dort Verspätungen gegeben habe. Das berichten auch Fahrgäste: Die ICEs nach Hannover seien am Wochenende vollkommen überfüllt gewesen, überall hätten Menschen mit großen Koffern gestanden, es sei kein Durchkommen gewesen. Der Grund: Viele würden jetzt über Hannover von Berlin nach Hamburg fahren, sagte ein genervter ICE- Schaffner, „nur leider versuchen diesen Trick Tausende andere auch“.

Am Service-Schalter geht es oft hektisch zu. Eine Mitarbeiterin der Bahn sagt, es würden in regelmäßigen Intervallen Reisende kommen, um Informationen über die ausfallenden ICEs einzuholen, Tickets umzutauschen oder sich den Fahrpreis erstatten zu lassen. Ein Geschäftsmann aus Leipzig, der vor der Abfahrtstafel steht, ist ziemlich genervt. Er ist am Morgen eine Stunde zu spät angekommen, und jetzt fällt auch noch sein Zug zurück aus. Er muss wieder eine Stunde warten.

Auf Gleis 1 ist Hans Hoffmann bereits in seinen Zug gestiegen. Ein junger Mann aus Magdeburg wartet auf den ICE nach München um 11.53 Uhr, der durch einen Intercity auf Gleis 2 ersetzt wird. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass es Probleme auf der Strecke gibt. Er hatte wohl Glück.

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