Skulptur Projekte Münster : Phänomen Stadt

35 Künstler opponieren in der Freiluft-Ausstellung "Skulptur-Projekte" gegen die Stadtidylle und die manchmal bösartigen Grundmechanismen menschlichen Zusammenlebens.

Skulptur Projekte
Reinigungsarbeiten am Kunstwerk "Quadratische Senkung" des Künstlers Bruce Naumann.Foto: dpa

MünsterDie Stadt Münster ist sehr schön: Nette Studenten, adrett gekleidete Flaneure bevölkern Straßen und Plätze. Nachgebaute gotische Giebelhäuser und Laubengänge lassen die monströsen Wunden des Bombenkrieges in der schwer getroffenen westfälischen Stadt vergessen. Gegen dieses von 270.000 Menschen bewohnte Butzenscheiben- Idyll opponieren nicht wenige der Künstler, die in diesem Jahr an der Freiluft-Ausstellung "Skulptur Projekte" teilnehmen. Gemeinsam mit der zeitgleichen Documenta im nahen Kassel und der Biennale von Venedig, den beiden "Labors" zeitgenössischer Weltkunst, sowie der Kunstmesse Basel gehört die nur alle zehn Jahre ausgerichtete Schau fest zum diesjährigen Sommer-Parcours der Kunstfans aus aller Welt.

Von diesem Samstag an bis 30. September rechnet die vierte Ausgabe der "Skulptur Projekte" an 107 Tagen mit rund 500.000 Besuchern. Neben den aktuellen Beiträgen von 35 Künstlern erwartet das Publikum rund drei Dutzend Arbeiten der "Creme" früherer Ausstellungen von Claes Oldenburg über Werke Dan Grahams, Jenny Holzers, Rebecca Horns oder Ilya Kabakovs.

Von der "Bedürfnisanstalt" zum Luxusklo

Mal schockierend, mal ironisierend, untersucht die internationale Künstlerriege in diesem Jahr am Exempel der Westfalenmetropole das Phänomen "Stadt" als öffentlichen Raum in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung und Privatisierung. So lockt der Pole Pawel Althammer das Publikum auf einen gewundenen "Trampelpfad" ins stadtnahe Grün wohl mit der Aufforderung, doch mal eingefahrene Wege zu verlassen. Hans Peter Feldmann aus Düsseldorf gab die gründliche Sanierung einer Toilettenanlage am Dom in Auftrag: Die vormals unschöne öffentliche "Bedürfnisanstalt" strahlt nun - kostenlos benutzbar - in schierem Luxus und macht Kunst so zur wirklich sozialen Tat.

Also nichts in Marmor oder Bronze, sondern überraschende "Interventionen" in soziale Abläufe und Kommunikationsprozesse: Auch reichlich Film und Video kamen in die deutsche Provinz - ebenso sorgsam wie überzeugend ausgewählt vom Projekt-Urgestein und Kölner Museumschef Kasper König (63), der mit den beiden jungen Kuratorinnen Brigitte Franzen und Carina Plath den "Generationenwechsel" vorbereitet. Die im Gründungsjahr 1977 zunächst heftig von Bürgertum und Lokalmedien befehdete "Langzeitstudie" (König) zum Thema Kunst und Öffentlichkeit ist längst in das umsatzsteigernde Stadtmarketing fest eingeplant. Der 5,25-Millionen-Euro-Etat aus öffentlichen Kassen sowie die zeitliche Begrenzung des Ganzen garantiere dennoch eine "gewisse Widerständigkeit" des Projektes gegen die Mechanismen von Werbung und Kunstmarkt, ist sich König sicher.

Kulturtourismus wird parodiert

Grassierender Stadtwerbung mittels Pseudokunst hat Andreas Siekmann den Kampf angesagt, alberne Kunststoff-Kühe und Plastik- Männchen geschreddert und zur Kugel geformt vor dem barocken Erbdrostenhof in Münsters Innenstadt aufgestellt. Der Belgier Guillaume Bijl persifliert sanft-ironisch den florierenden Kulturtourismus und lässt im tiefen Schacht seiner surrealen "Archäologischen Stätte" einen scheinbar frisch entdeckten Kirchturm aus dem Erdboden auftauchen.

Ganz in der Nähe gibt Rosemarie Trockel zwischen zwei Eibenbüschen die Blickscharte auf hässliche Wohnblocks frei. Weltstar Bruce Nauman aus den USA realisierte jetzt seine schon 1977 geplante, in den Boden eingegrabene begehbare Pyramide und bietet das bedeutende minimalistische Meditations-Werk noch immer zum damaligen Preis von heute rund 3500 Euro zum Kauf an.

Makabere Puppenskulpturen und ein Glassarkophag

Isa Genzken, die als Grande Dame der deutschen Gegenwartskunst derzeit die Nation in Venedigs Pavillon vertritt, setzt zwölf makabre Puppenskulpturen auf den Gehweg und lässt den Atem zumindest der sensibleren Passanten einen kurzen Augenblick stocken. Als "Geschichtsschreiberin" erzählt die Französin Dominique Gonzalez- Foerster mit verkleinerten Nachbauten früherer Skulpturen die 30- jährige Historie der Kunstschau und Thomas Schütte verpackt eine belanglose Brunnenanlage in einen kantigen Glassarkophag. Gleich nebenan steht seine längst zum Markenzeichen des Münster-Projektes avancierte legendäre «Kirschensäule» (1987), die die weitere "Stadtmöblierung" mittels Brunnen provoziert hatte.

Das vielleicht subtilste und mit seinen sparsamen Mitteln beeindruckendste Kunstwerk brachte der Brite Mark Wallinger nach Münster: Er spannte in einem Riesenkreis von fünf Kilometern Länge in 4,50 Metern Höhe eine dünne Angelschnur rund um den historischen Stadtkern. Ausgrenzung und Gruppenbildung, so lässt sich die Botschaft des Künstlers lesen, gehört zu den bedenkenswerten, manchmal bösartigen Grundmechanismen menschlichen Zusammenlebens. (mit dpa)