Der Tagesspiegel : Soldaten als Helfer – das finden nicht nur die Mädchen gut Die Bundeswehr ist beliebt, obwohl die Evakuierung bei manchen Einwohnern schlimme Erinnerungen weckte

NAME

Von Claus-Dieter Steyer

Lütkenwisch. „Das Ungeheuer kommt!" Diese Meldung lässt Helfer und zurückgebliebene Einwohner am Elbdeich in Lütkenwisch bei Wittenberge zur Fährstelle eilen. Fotoapparate klicken und Videokameras laufen. Niemand will sich das Schauspiel vor dem Einbruch der Dämmerung entgehen lassen. Denn bei der von den Beobachtern kurzerhand zur „Nessi aus Loch Ness" getauften Gerätschaft handelt es sich um ein sonderbares Amphibienfahrzeug der Bundeswehr. Auf der Elbe schwimmt es wie eine große Fähre. An Land werden dagegen die Seitenflächen eingeklappt. Zum Vorschein kommen wuchtige Räder. Das rund 40 Meter lange und fünf Meter hohe Transportmittel fährt tropfend auf eine Wiese hinter das Dorf. Bei der Sicherung der Deiche hat es unschätzbare Dienste geleistet. Denn damit wurden in den vergangenen Tagen Tausende Sandsäcke von der Wasserseite an die gefährdeten Stellen gebracht. Das sparte nicht nur Zeit, sondern schonte auch den wackligen Damm. Die sonst für die Säcke eingesetzten Kleinlaster hätten den Deich unnötig belastet.

Nicht nur mit „Nessi“ hat sich die Bundeswehr wieder viele Sympathiepunkte eingefahren. Die Einwohner hier wissen, dass ohne die Kraft der Armee die 75 Kilometer langen Deiche im Brandenburger Abschnitt nicht zu halten gewesen wären. Die 1400 Soldaten aus ganz Deutschland schuften in 12-Stunden-Schichten. Nach dem ununterbrochenen Füllen und Schleppen von Sandsäcken bei Temperaturen knapp unter 30 Grad Celsius sehen sie geschafft aus. Die Feldküche soll die Moral stärken und hat den täglichen Kalorienwert der Speisen auf 5000 hochgesetzt, üblich sind um die 3000. „Wie die Verpflegung, so die Bewegung" oder „Ohne Mampf kein Kampf", lauten die Sprüche an der Gulaschkanone.

Unter den Wehrpflichtigen dominieren die 18- bis 20-Jährigen. „Sieben Wochen sind wir gerade bei der Truppe", erzählt ein junger Mann aus Doberlug-Kirchhain. Vor sechs Tagen sei seine Fallschirmjägereinheit noch in Mühlberg eingesetzt gewesen. „Das Wasser kam zur falschen Zeit. Dadurch erhielten wir den Befehl zum Abmarsch leider gleich im Anschluss an unsere Vereidigung. Nach der Feier haben die Soldaten sonst gewöhnlich frei, für uns ging es an den Damm."

Die Frage nach dem Kontakt zu den Einwohnern löst auf dem Rastplatz der kleinen Truppe großes Gelächter aus. „Viel zu wenige Mädchen, die sind ja alle evakuiert", meint ein Soldat mit einem Handtuch auf dem Kopf. „Man müsste mal wieder in die Gegend zurückkommen", sagt er. Bei den außerhalb des Evakuierungsgebietes eingesetzten Soldaten halten sich die „Klagen" über die geringe Zahl von jungen Frauen in Grenzen. Denn in den zu Notquartieren eingerichteten Schulen und Sporthallen herrscht kein so abgeschirmtes Regime wie hinter Kasernenmauern. Da an den zurückliegenden Tagen die Schule ausfiel und inzwischen auch die Zeit des Sandsackfüllens durch die Einwohner vorbei ist, zieht es viele Mädchen zu den jungen Soldaten. „Da wird so manche Handy-Nummer ausgetauscht", bestätigt Bundeswehrhauptmann Horst Schauerte. „Sicher bahnt sich da das eine oder andere an." Er erzählt auch von Besuchen älterer Einwohner. „So ein selbst gebackener Kuchen schmeckt doch besser als unsere Kekse."

Westlich von Wittenberge nutzt die Bundeswehr jetzt teilweise auch frühere Kasernen der DDR-Grenztruppen. „Der 3,20 Meter hohe Sperrzaun stand von Lütkenwisch bis weit hinter Lenzen direkt auf dem Deich", zeigt ein Alteingesessener des Dorfes Lanz auf einer Karte den Verlauf der Sperre zu Niedersachsen. „Da drüben ist schon Schnackenburg." Einige hundert Meter landeinwärts verlief noch ein zweiter Zaun.

Auch aus einem anderen Grund stellten sich bei älteren Bürgern schlimme Erinnerungen ein, als dieser Tage zur vorsorglichen Räumung von 39 Orten aufgerufen wurde. In zwei Aktionen Anfang der fünfziger und der sechziger Jahre mit den n „Ungeziefer" und „Rose", waren aus Sicht der DDR-Behörden „unsichere Einwohner" vertrieben worden. Möglicherweise verlief auch deshalb die Evakuierung hier eher schleppend – auch wenn das Militär diesmal mit ganz anderen Absichten in die Dörfer einrückte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar