Der Tagesspiegel : Sonntagsausflüge ins Katastrophengebiet

CLAUS-DIETER STEYER

Ganze Familien wollen sehen, ob die Deiche haltenVON CLAUS-DIETER STEYER HOHENWUTZEN.Mit der Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Oderregion ist es an den Wochenenden vorbei.Scharen von Ausflüglern stürmen die kleinen Orte zwischen Hohenwutzen im Norden und Ratzdorf im Süden.Die Autokennzeichen stammen aus ganz Deutschland, sogar Reisebusse zwängen sich auf den engen Straßen zum offenbar faszinierenden Ziel: den Oderdeich. Soviel Trubel wie am vergangenen Wochenende erlebte etwa der kleine Ort Aurith zwischen Frankfurt und Eisenhüttenstadt nicht mehr seit dem Hochwasser im letzten Juli und August.Auf mehreren hundert Meter Länge parkten die Autos auf dem einzigen Zufahrtsweg zum Deich."Wir haben die Bilder von der Überschwemmung noch gut Erinnerung", sagt ein Mann aus Bielefeld, der in seinem Kleinbus nicht nur seine eigene Familie, sondern auch Opa und Oma mitbrachte."Unmittelbar nach dem Deichbruch ergab sich keine Ausflugsgelegenheit.Aber jetzt sind wir einfach spontan losgefahren." Wie die Bielefelder treibt die Neugier auch Sachsen, Thüringer, Westfalen oder Berliner an die Orte der dramatischen Schlachten gegen die Flut im letzten Sommer.Die gebrochene Deichstelle in der Ziltendorfer Niederung ist längst geflickt.Ungehindert können Spaziergänger kilometerweit auf der Deichkrone spazieren und den Blick auf die schon wieder leicht angestiegene Oder genießen.Heftige Regenfälle im Altvatergebirge zwischen Polen und Tschechien haben den Pegel um mehr als einen Meter ansteigen lassen.Doch das reicht nicht einmal zur Auslösung der ersten Alarmstufe.Während des Hochwassers bewegte sich die Oder mehr als sechs Meter über ihrem Normalstand.Nur die Wiesen und Äcker neben dem alten Flußbett sind überschwemmt - so wie in jedem Jahr.Die Einheimischen wundern sich allerdings doch über den frühen Zeitpunkt der Überschwemmung."Das Frühjahrshochwasser ist noch nicht durch.Das kommt noch", erklärt ein Mann am Gartenzaun seines frisch renovierten Hauses.Fast zwei Meter hoch stand die Brühe Ende Juli in seinem Haus. Doch die Oder ist und bleibt unberechenbar.Immer wieder kommt in den Gesprächen am Deich das Thema auf den Fluß.Ein ältere Frau schüttelt den Kopf."1995 mußte die Schiffahrt auf der Oder bei uns eingestellt werden.Gerade 80 Zemtimeter zeigte der Pegel.Mensch, da sind die Leute zu Fuß vom anderen Ufer gekommen." Zwei Jahre später löste der Fluß die Katastrophe aus. Viele Wochenendausflügler fragen nach dem Verbleib der Spenden.Die meisten haben auf eines der Konten kleine und große Summen eingezahlt oder im Verein, im Betrieb oder im Freundeskreis gesammelt.Die betroffenen Familien zeigen sich zufrieden und dankbar.Die Auszahlung der Spenden sei im vollen Gange und richte sich nach dem Fortschritt beim Wiederaufbau der Häuser."Wir reichen unsere Rechnungen beim diakonischen Werk ein und erhalten dann den Betrag erstattet", schildert etwa Günter Brettner aus der kleinen Siedlung Kunitzer Loose das Prozedere.Im Frühjahr, wenn die Wände getrocknet sind, will er sein in den Fluten versunkenes Haus auch äußerlich wieder herrichten. Wie die Landesregierung mitteilte, sind von den für Brandenburg bestimmten 60 Millionen Mark Spenden 33 Millionen Mark ausgezahlt worden.Die Privathaushalte können mit einem 90 prozentigen Schadenausgleich rechnen.Insgesamt waren nach der Oderflut mehr als 130 Millionen Mark gespendet worden.Beträchtliche Summen erhielten Polen und Tschechien.Mit Bundes- und Landesmitteln begannen die Reparatur und der komplette Neubau von Deichen sowie der Straßenbau. Im Oderbogen in der Nähe von Hohenwutzen, wo im Sommer die drohende Überflutung des Oderbruchs in letzter Sekunde und unter Einsatz des Lebens durch Soldaten verhindert worden war, grasen heute Schafe.Seit September ist hier ein kompletter neuer Deich entstanden.Der Schäfer gönnt seiner Herde die ersten grünen Spitzen, die sich in der Nähe des Wassers schon in beachtlicher Zahl zeigen.Längst hat die Oder aber auch im Norden ihr angestammtes Bett verlassen und viele Wiesen überschwemmt.Doch der Schäfer kennt die Gefahren und winkt den vielen Ausflüglern auf dem Deich lächelnd zu.

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