Der Tagesspiegel : Sound aus Plastik

Die Kunst von Roland Stratmann in der Galerie Weisser Elefant umkreist das Thema Gewalt.

von
Doppelgesichtig.
Doppelgesichtig.

Es rauscht und pulsiert, es knistert und wispert im Eingang der Galerie Weisser Elefant. Wind und Meeresbrise, Stimmen oder schweres Atmen? Aus zwei Türrahmen quillt der Sound von hunderten Plastiktüten. Ein Rhythmus in Weiß und Schwarz. Auf den Oberflächen, die sich aufblähen und zusammensinken, sind handschriftlich und wie zufällig Jahreszahlen verteilt. „Quiet – Quite Suddenly“ heißt die Installation von Roland Stratmann. Gewidmet ist sie den Opfern von Sniper-Attacken. Während ihre Namen als Projektion durch den engen Flur glimmen, fühlt man die Stille um einen Menschen, der aus dem Leben gerissen wurde.

Gräueltaten, die täglich durch die Medien rauschen – Stratmann rückt sie in den Fokus, indem er sie abstrahiert. Und nach einer künstlerischen Sprache für das Unsagbare sucht. Der 1964 im Münsterland geborene Künstler findet seinen Ausdruck in der intelligenten Reduktion und konsequenten Entschleunigung unseres Blicks. „Ápnoia“ heißt die Ausstellung, die die sieben Räume der Galerie in einen spannungsvollen Parcours verwandelt. Mit den minimalistischen Gesten der Arte Povera löst Stratmann die im Internet recherchierten Bilder im künstlerischen Prozess auf, um sie in unserer Erinnerung wieder wachzurufen.

In der Serie „Cover“ glaubt man sich zunächst einem konzeptuellen Diptychon gegenüber. Eine weiße Tafel mit getuschten Umrisslinien. Eine Insel, eine Landesgrenze vielleicht. Doch im Innern nimmt die Fläche allmählich Gestalt an. Die Tuschelinie zeichnet die Silhouette eines Leichentuchs nach. Wie ein Schleier liegt das Blatt über dem mit Grafit skizzierten, leblosen Körper. „Den vielen Mordopfern kann man nicht gerecht werden“, sagt Roland Stratmann, während seine Stimme immer wieder ein wenig wegrutscht. Angesichts des Themas, das er nicht einfach provokant darstellen will. Die Ausstellung konfrontiert den Betrachter stattdessen immer wieder körperlich mit Situationen, die verunsichern. Etwa durch schwarze Vorhänge, die die Sicht nach außen nur durch gestanzte Löcher gewähren. Oder wenn der Besucher unmittelbar zwischen die Fronten eines Kindersoldaten und einer Fotografenmeute zu geraten scheint.

Eine geschärfte Aufmerksamkeit evoziert nicht zuletzt konzentriertes Sehen, das die Zeichnungen – mit ihrer kühlen Oberfläche und dem subtil kalkulierten Realismus im Untergrund – einfordern. So die 72 stereoskopischen Aquarelle der Installation „Spots“. In 36 Rahmen sind die fragmentierten Aufnahmen von Diktatoren und von ihren Opfern so gekoppelt, dass unser Gehirn sie zu räumlichen Überlagerungen moduliert. Es sind diese Nachbilder, die unsere Empathie hinterfragen und wecken. Selten hat die Abwesenheit des Sichtbaren so berührt. (Preise: 1000–40 000 Euro). Michaela Nolte

Galerie Weisser Elefant, Auguststr. 21; bis 30.3., Di–Sa 13–19 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben