Speerwurf : Obergföll holt erste Medaille für deutsche Leichtathleten

Den ganz großen Traum hat sich Speerwerferin Christina Obergföll nicht erfüllt. Aber mit dem dritten Platz hat die Offenburgerin nun ihre erste olympische Medaille. Und für die deutschen Leichtathleten ist es in Peking die erste Medaille überhaupt.

Friedhard Teuffel[Peking]
Olympische Sommerspiele 2008
Bann gebrochen. Christina Obergföll holt Bronze.Foto: AFP

Um den Speer so weit zu werfen, wie sie kann, muss Christina Obergfölls Körper in einem besonderen Aggregatzustand sein. Sie nennt ihn „fluffig" und meint damit wohl eine besondere Geschmeidigkeit. Aber richtig weich werden dürfen die Muskeln auch nicht. Sonst ist die Spannung weg. Es gab jedenfalls einige Gründe dafür, warum sich Christina Obergföll am Donnerstagabend nicht richtig „fluffig" fühlte, der Regen, die starke Konkurrenz, das Publikum. Doch es hat zu Bronze gereicht, und das war für sie genug Anlass zum Lächeln und Lachen.

Wenn sich die deutsche Leichtathletik also noch auf etwas verlassen kann, dann auf ihre starken Frauen und Männer. Bis zum Donnerstag hatte es einige Enttäuschungen gegeben, auf jeden Fall nicht die erhoffte Befreiung. Und weil nicht mehr viele Chancen blieben für eine Medaille, waren die deutschen Speerwerferinnen die große Hoffnung. Das hatte auch in den vergangenen Jahren gut geklappt, da hatten sie einige Medaillen mitgebracht, von den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr etwa Obergföll die silberne und Steffi Nerius die bronzene. Die Bronzemedaille in Peking mit geworfenen 66,13 Metern ist nun nicht nur die erste olympische für Christina Obergföll, sondern auch die erste für die deutsche Leichtathletik bei diesen Spielen. Steffi Nerius wurde mit 65,29 Metern fünfte und Katharina Molitor mit 59,64 Metern achte.

Gefehlt hat das fachkundige Publikum

Bei internationalen Meisterschaften hatte Christina Obergföll schon einige Male ihre Konkurrentinnen sofort beeindrucken können. Diesmal war sie beeindruckt. Die Russin Maria Abakumowa warf schon im ersten Versuch 69,32 Meter. Christina Obergföll hatte da nur 66,13 Meter entgegen zu setzen. Dann begann es im Stadion zu regnen, das machte sie nervös. „Nach dem ersten Wurf habe ich schon gemerkt, dass es langsam anfängt. Dann dachte ich schnell, schnell noch etwas machen", erzählte sie hinterher. Auch aus dem von 91000 Zuschauern besuchten Nationalstadion konnte sie keine Energie ziehen: „Was ich vermisst habe, war das fachkundige Publikum. Wenn du im Anlauf stehst und klatschst und Unterstützung möchtest, kommt eben nichts."

Der erste Versuch blieb ihr weitester, während ihre Konkurrentinnen noch etwas zulegen konnten. „Als die anderen so weit geworfen hatten, habe ich nur gedacht: Was geht hier eigentlich ab? Da war der Stecker gezogen", sagte Obergföll. Sie sei immer fester geworden. Im vierten Versuch erzielte die Russin 70,78 Meter. Das schien zu reichen für einen Sieg vor der Tschechin Barbora Spotakova und Obergföll.

Am Ende hat sie der Tschechin die Daumen gedrückt

Ein bisschen wollte Christina Obergföll dann aber doch noch Einfluss auf das olympische Endergebnis nehmen. „Ich habe Barbora einen treuen Blick zugeworfen: Wenn ich es nicht schaffe, dann wenigstens du", sagte sie. Die Tschechin sei ihr sehr sympathisch. Sie duellieren sich schon seit einiger Zeit, aber sie mögen sich trotzdem. Der Russin schien Obergföll dagegen nicht recht zu trauen. Ein Dopingverdacht? „Ich glaube, dazu sage ich nichts, in Helsinki 2005 habe ich mich auch von 64 auf 70 Meter gesteigert, da hatten mich sicher auch einige auf der Liste gehabt", sagte sie.

Dass Obergföll zu Spotakova hielt, hatte für sie eine gute und eine etwas ärgerliche Folge. Die gute war: Spotakova wurde Olympiasiegerin. Die ärgerliche: Die Tschechin warf in ihrem letzten Versuch 71,42 Meter und hatte damit Obergföll den Europarekord von 70,20 Metern abgenommen. „Im ersten Moment war ich schon ein bisschen enttäuscht. Aber wenn es sich jetzt ein bisschen setzt, muss ich echt zufrieden sein. Um über 70 Meter zu werfen, muss bei mir schon alles stimmen." Zum Beispiel sich richtig fluffig zu fühlen.