Der Tagesspiegel : Spießer auf Rädern

Die jungen Männer von Mitte wollen erwachsen werden. Aufgeräumter Schick ist angesagt – und dazu das richtige Fahrzeug

Timo Feldhaus

Berliner Männermode verwechselt in aller Regel modische Freiheit mit Nachlässigkeit. T-Shirt, Sneaker und Jeans wurden in den letzten Jahren zu Wahrzeichen eines Lebens im Wartestand, einer etwas behäbigen, nie endenden Jugendlichkeit. Diese wurde zuletzt von London aus mit Rockmusikmode und New Rave flankiert. Daneben etablierten sich skandinavische Labels mit bunten Retro-Sneakern und übergroßer, oft karierter Couture-Streetwear.

Diesem Hang zur Infantilität macht der junge Mann nun selbst ein Ende und reanimiert ein lange vergessenes Vorbild: den „spielerischen Spießer“. Er ist gerne seitengescheitelt, trägt Button-down-Hemd und Strickjacke, V-Ausschnitt-Pulli, weiße Leinenhose und gelegentlich sogar rahmengenähte Schuhe, klassische Materialien wie Seide, Schurwolle oder Kaschmir, gedeckte Farben mit viel Braun, Grau oder Aubergine, gerne aufgelockert mit Rosa oder Gelb. Diesen Look entwickelt er aus zwei Richtungen. Einmal schaut er nach England, wo vor 200 Jahren der Dandy geboren wurde, dem alles Laute und Grelle zuwider war. Diese Attitüde verbindet der junge Mann mit dem Unityp der Ostküste, repräsentiert von Tommy Hilfiger und Ralph Lauren Polo. Der amerikanische Modeblogger Scott Schuman empfiehlt diesen Mix schon lange auf seinem Weblog, auch dem Journalisten Adriano Sack fielen die modernen Spießer Berlins auf. Gerade im Sommer erscheint die weiche Eleganz angemessen, die unter der rosafarbenen, knöchellangen Hose Loafers oder auch Bootsschuhe sehen lässt und sich durch eine einzige Blume im Knopfloch auszeichnet.

Was die neue Inkarnation des urbanen Dandys allerdings von seinen Vorläufern unterscheidet, ist seine Art der Fortbewegung: Dieser Dandy flaniert nicht, er zischt vorbei auf einem schnittigen, auf seine minimalen Bestandteile reduzierten Rennrad. Ein gut gekleideter Mensch auf einem solchen Gefährt sieht nicht nur außerordentlich attraktiv aus, er versprüht auch einen Hauch von Gefahr.

Räder mit starrer Hinterradnabe wurden früher zum Bahnradrennen benutzt. Da sie nicht für den Gebrauch im Straßenverkehr gefertigt sind, kommen sie ohne Bremsen, Schaltung und Freilauf aus. Die starre Hinterradnabe bewirkt, dass man automatisch bremst, sobald man aufhört zu treten. Das ist nicht einfach, im Straßenverkehr scheint es geradezu wahnwitzig. Immerhin eignet sich diese Art der Fortbewegung für Städte wie Berlin, denn es gibt ja kaum Berge. Ursprünglich begannen Fahrradkuriere, dieses Sportrad für ihre Zwecke zu nutzen, nun ist es zum Modeobjekt geworden. Zuletzt machte im Berliner Stadtteil Neukölln mit Dailybread ein Laden auf, der sich ausschließlich auf „Fixies“ (vom englischen „fixed gear“) spezialisiert.

Was die neue Spießigkeit mit dem schnellen Fahrrad vereint, ist die Sehnsucht nach dem Wesentlichen. Der junge Mann lässt sich durch keine Moden mehr verwirren und fährt wieder nach Charlottenburg zum Einkaufen, in altbewährte Vintage-Läden wie Kibab oder das Spezialgeschäft für britische Stilsicherheit, dem Chelsea Farmers Club. Mit der Fahrradfahrt von Mitte gen Westen im klassischen Tweed reflektiert der stilsichere junge Mann Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit, sie ist der Weg ins Freie, die angemessene Form des Flanierens im Zeitalter der Beschleunigung. Die CO2-Schleuder Auto hat als Statussymbol ausgedient, nichts ist so attraktiv wie ein Gentleman auf einem distinguierten Fahrrad.

Detaillierten Witz verleiht der junge Mann dem Trend, indem er den Kragen eines bis zum letzten Knopf geschlossenen Ralph-Lauren-Polohemds nach innen klappt. Das irritiert, sieht aber trotzdem superschick aus und auf verblüffende Art auch wie ein Radrennsporttrikot. Als Mützchen nehme man dazu die feine Kappe aus der Männerkollektion von Lanvin vor einem Jahr, bitte in Fliederfarben. Timo Feldhaus

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